Kein Einzelzimmer

Kein Einzelzimmer

Platti Lorenz
von Platti Lorenz
07. Februar 2026

Eins ... Drei ... Fünf ..., tastete ich mich in der trägen Dunkelheit des oberen Stockwerks von Tür zu Tür und von Zimmernummer zu Zimmernummer. Die Vier hatte ich bisher noch nicht gefunden.

Aber, wer bitte hielt es für eine gute Idee, einen Haufen stockbesoffener Waldschrate einen finsteren Flur entlangzuschicken, in dem sich alle geraden Zimmernummern auf der einen und alle ungeraden auf der anderen Seite befanden?!

Ich wechselte zur gegenüberliegenden Wand.

Acht ... Sechs ... Ah ja, Vier! Aufschließen ... Hrgh!

Ich hechtete zum Fenster – dem winzigen, verglasten Loch mit Holzrahmen in der Wand – und riss es auf. Hier hatten eindeutig zu viele Menschen mit viel zu wenig Sinn für Hygiene viel zu viel Zeit miteinander verbracht.

Aber ich konnte von Glück reden, dass ich trotz der späten Stunde der Einzige in diesem Zimmer war. Ich verspürte nämlich nur ein sehr geringes Bedürfnis danach, die Nacht mit menschenähnlichen Wesen zu verbringen, denen es durch bloße Anwesenheit gelang, saubere Sumpfluft in eine todbringende Dunstwolke zu verwandeln.

Mit der Bewusstlosigkeit ringend, klemmte ich mich so dicht wie möglich ans Fenster, bis die beißenden Gase meinen Geruchssinn betäubt und für diese besondere Duftnote bis auf Weiteres unbrauchbar gemacht hatten. Schon nach wenigen Augenblicken nahm ich nur noch einen leichten Hauch menschlichen Lotterlebens mit moorigen Akzenten wahr.

Während ich nun so da hing und diese neue Atmosphäre zu ertragen lernte, ließ ich den Blick durch das Halbdunkel meiner Unterkunft schweifen. Und ich entdeckte eine weitere besondere Note, auf welche diese Gastwirtschaft großen Wert zu legen schien.

Neben meiner Wenigkeit befanden sich in diesem Raum vier ausgewachsene Doppelstockbetten, inklusive einer Ausstattung in Form von Federbetten und Kopfkissen – selbstverständlich alles mit der gängigen Mindestmenge an Bettwäsche überzogen. Das Markante an diesem Ensemble war für mich nur, dass über eben dieser Bettwäsche ein weiterer Bezug zu liegen schien, der mich unweigerlich an eine überalterte Kuchenglasur mit sehr kalorienreichen Inhaltsstoffen erinnerte.

Sicherlich war dieser ölige Glanz in gewisser Hinsicht überaus praktisch, wenn es darum ging, Geld für Leuchtmittel zu sparen. Denn er reflektierte das fahle Mondlicht, welches durch das winzige Fenster hereinfiel, vorzüglich und konnte es sogar um ein paar Millicandela verstärken. Allerdings hegte ich begründete Zweifel, dass in einem dieser Betten eine angenehme Nacht auf mich warten würde.

In Gedanken war ich schon kurz davor, mich auf eine halbwegs erholsame Ruhephase in unmittelbarer Bodennähe einzurichten, als mir auffiel, dass eines der Betten wesentlich weniger Strahlung von sich gab. Gleich neben mir, links vom Fenster. Eben wie es mir der Wirt ja auch beschrieben hatte ...

Zu meiner ernsthaften Überraschung – ja, zu meiner fassungslosen Verblüffung – stand in diesem Zimmer ein einwandfreies, frisch bezogenes Bett, das schon bei seinem bloßen Anblick den Geruch soeben gelüfteter Wäsche und starken Waschmittels in meiner Erinnerung hervorrief. In Gedanken zog ich meinen metaphorischen Hut vor dem Schankwirt oder demjenigen, der es geschafft hatte, in dieser Heimat menschlichen Unrats ein solch brillierendes Stück Sauberkeit zu bewahren.

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Doch nicht nur der für mich bestimmte untere Bereich des Etagenbettes folgte einem anderen Hygienestandard als alles andere in diesem Zimmer. Auch die obere Liege wies deutliche Spuren von erst vor Kurzem gewechselter Bettwäsche auf. Jedenfalls, wenn man einmal davon absah, dass letztere sich unter einem Haufen Gerümpel versteckte ... Hätte man für diese Ansammlung eine Inventarliste anfertigen wollen, wäre diese wahrscheinlich mit ein paar harmlosen Schreibutensilien, wie Tinte und Pergament, losgegangen und – nach der Erfassung zahlreicher kleiner Lederbeutel unbekannten Inhalts – schließlich bei eher bedenklichen Dingen gelandet, die, wie Blutfleckweg oder Hämoschrubber, auf gewissenhafte Waffenpflege schließen ließen. Wer auch immer da oben nächtigte, hatte mit Sicherheit jede Menge Langeweile, einen üppigen Geldbeutel und des Öfteren Probleme mit Blutspuren an unerwünschten Stellen.

Von einem Funken Neugier ergriffen trat ich näher heran, um eine bessere Sicht auf diese offen dargelegten Persönlichkeitsstrukturen zu erhalten – und griff unbewusst mit einer Hand nach der Bettkante.

Ich schrie auf und riss eilig meine Hand zurück. Ein heißer pulsierender Schlag hatte mich gepackt und meine Hand beinahe von innen heraus zerrissen. Zumindest fühlte es sich so an. Wenige Sekunden nach dem ersten Schrecken war jeder Schmerz verflogen. Nur meine Hand blieb noch etwas taub und ich spürte, wie das Gefühl langsam in sie zurückschlich. Es kribbelte.

Wie durch den Schock gelähmt, klammerte sich mein Blick an dieses hölzerne Bett mit seiner von Natur aus gut gepolsterten Grundausstattung. Auf so eine Erfahrung war ich nicht vorbereitet gewesen. Aber wer erwartete ein solches Verhalten schon von einer Schlafgelegenheit, die einem für gewöhnlich friedliche Träume bescheren sollte?

Während ich so starrte, fiel mir auf, dass am oberen Bettrahmen eine Reihe silbrig schimmernder Symbole aufgetaucht war, deren Bedeutung mir nicht geläufig war. Derjenige, der hier sein Lager aufgeschlagen hatte, kannte sich mit Hexerei oder vergleichbaren Dingen aus und scheute sich nicht davor, dieses Wissen anzuwenden.

Aber was sollte ich machen? Bis jetzt hatte er – oder sie – mir weder etwas angetan noch um Hilfe für die Abreise aus diesem Kaff gebeten. Die Gelegenheit war also günstig, um einfach mal abzuwarten. Und wenn ich Glück hatte, passierte zur Abwechslung vielleicht sogar rein gar nichts.

Ich konnte jedenfalls eine Pause vertragen, bevor der Tag erneut beschloss, sich plötzlich und bis auf Weiteres in die Länge zu ziehen. Und um sicherzugehen, dass dies nicht so schnell passierte, entschied ich, mein Nachtlager vorsorglich nach unsichtbaren Barrieren und metaphysischen Grenzmarken abzusuchen.

Also kniete ich vorsichtig nieder und näherte mich mit den Fingerspitzen der unteren Bettkante ...

Nichts geschah.

Tief geduckt strich ich behutsam über die näher liegenden, dann die etwas weiter entfernten Bereiche meiner Liegefläche ...

Auch nichts.

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Alles klar ... , stellte ich zu meiner Verwunderung und mit einem Hauch minimaler Enttäuschung fest. Ich zuckte mit den Achseln, stand auf, legte meinen Rucksack und die Waffen neben mich auf den Boden, schloss das Fenster, setzte mich aufs Bett, fühlte eine unerträgliche Hitze und einen schmerzhaften Stich direkt hinter meiner Stirn und kippte besinnungslos zur Seite. – Ich hatte doch etwas übersehen.

🍃🍃🍃


Langsame, schmatzende Schritte. In der Luft der Geruch von modernder Erde und faulen Eiern. Wo war ich?

Von allen Seiten umgab mich Dunkelheit, die nur an wenigen Stellen in meiner Umgebung nicht ganz so dunkel wie der Rest war.

Dann fiel es mir ein. Der Sumpf, die Herberge, die Gäste, das Bett – und diese Runen. Ich lag noch halb im Sitzen und zur Seite gekippt auf meinem Nachtlager und starrte in die unterschiedlichen Facetten eines lichtlosen Raumes. Ich konnte mir nicht erklären, wer oder was genau mich außer Gefecht gesetzt hatte. Aber ich wusste, dass ich, auch wenn ich niemanden sehen konnte, ohne Zweifel beobachtet wurde.

Mein Gefühl sagte es mir und es war zu ruhig. Da blieb die Frage offen, wo diese Schritte ihren Ursprung hatten.

Behände schob ich mich von dem Bett herunter in die Hocke, griff nach den Waffen, zog mein Schwert, hörte, wie dieses lautstark auf Metall traf, und spürte plötzlich, wie die Kälte einer fremden Klinge meinen Hals berührte.

Konnte das sein? War das möglich? Ich war fassungslos, wie schnell sich diese schattenhafte Gestalt vor mir bewegte. Binnen Bruchteilen von Sekunden hatte sie mich mit einer reibungslos fließenden Bewegung einfach und ohne jeden Laut überwältigt.

Allmählich ließ ich meine Schwerthand sinken, jedoch nicht aus Resignation oder Angst vor meinem Gegner. Ich war ehrlich beeindruckt.

„Entschuldige“, hörte ich die klare Stimme eines jungen Mannes sagen.

Ich versuchte, trotz der Dunkelheit besser zu sehen. Zu meiner Erleichterung hatte es das fahle Mondlicht endlich geschafft, sein Reich auf dieses Zimmer auszuweiten. Jedoch wollte das, was ich dadurch sah, so gar nicht zu dem passen, was ich eben noch gehört hatte.

Die wenigen vagen Umrisse, die ich gerade so erkennen konnte, wiesen zwar auf eine schlanke Gestalt hin. Allerdings mangelte es ihr nur zu deutlich an den für einen Menschen typischen Gattungsmerkmalen. Eine dicke, raue Schuppenkruste bedeckte beinahe die gesamte Oberfläche dieses Körpers. Kopf, Hals und Rumpf wirkten, als seien sie zutiefst miteinander verwachsen und der Geruch von Brackwasser, altem Sand und Moder tat sein Übriges. Es machte den Eindruck, als sei dieses Wesen gerade eben den ewig verwesenden Tiefen der Sümpfe entstiegen, um ...

Ja, um eigentlich was zu tun?

„Ich habe nicht vor, dich anzugreifen“, sagte es in einem informativen Plauderton, der eine jugendliche Sympathie ausstrahlte. „Ehrlich gesagt, wäre ich sogar dafür, die Waffen vorerst ruhen zu lassen.“

Aus reiner Gewohnheit hatte sich der Griff um das Heft meines Langschwertes aufgrund der vorangegangenen Eindrücke wieder verfestigt. Sollte es notwendig werden, war ich umgehend bereit, von ihm Gebrauch zu machen. Hatte dieses Wesen meine Anspannung bemerkt? Aber wie hätte es diese bei den spärlichen Lichtverhältnissen, die hier vorherrschten, wahrnehmen können? Es war zu dunkel, um diese Art von kleinsten Gesten deuten zu können. Aber hatte ich denn die Wahl, meine derzeitige Lage zu hinterfragen?

Erneut ließ ich meine Waffe sinken. Im Gegenzug verschwand der metallische Druck der fremden Klinge von meinem Hals.

Die bizarre Gestalt wandte sich dem winzigen Fenster zu und legte ein paar Gegenstände auf den Tisch, an den ich mich aus einem mir unbekannten Grund zu erinnern versuchte. Wenig später erhellte sich das Zimmer.

Hatte diese Öllampe vorhin auch schon auf dem Tisch gestanden?

Allmählich spielte ich ernsthaft mit dem Gedanken, begründet an meiner Wahrnehmung zu zweifeln. Für den Moment war es jedoch ratsamer, merkwürdige Erscheinungen von Gegenständen einfach merkwürdige Erscheinungen von Gegenständen sein zu lassen und auf meine stetig zunehmende Ermüdung zu schieben.

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Immerhin sah ich jetzt viel deutlicher, mit was oder besser mit wem ich es zu tun hatte. Diese raue Schuppenhaut bestand weder aus Schuppen noch aus Haut. Es war eine zentimeterdicke Kruste aus teils getrocknetem, teils noch feuchtem Schlamm, der an seinen festeren Stellen bereits zu bröckeln begann. Auch die verzerrten Konturen gewannen mit dem Licht an Schärfe. Unter dieser Schicht aus fauliger Erde verbarg sich eine vermummte Figur in einem knielangen Parka. Die Kapuze war weit über die Stirn nach vorn gezogen und verdeckte mit ihrem Schatten große Teile des darunterliegenden Gesichts.

Etwas erschien mir jedoch weiterhin äußerst merkwürdig. Selbst als diese Gestalt sich wieder zu mir umdrehte, war nirgends eine Klinge zu entdecken. Wo war die Waffe, mit welcher ich vor wenigen Augenblicken einfach so überwältigt worden war?

„Es lag nicht in meiner Absicht, dich mit der Schutzvorrichtung zu betäuben“, vernahm ich erneut die Stimme eines jungen Mannes. „Ehrlich gesagt, habe ich nicht damit gerechnet, dass die untere Liege schon so bald wieder genutzt werden würde.“

Ein paar Hände in abgenutzten Lederhandschuhen schoben die Kapuze nach hinten und ein dunkler – wahrscheinlich brauner – Haarschopf kam zum Vorschein. Mit Sicherheit war dieser vor geraumer Zeit schon einmal gestutzt worden. Inzwischen wucherte er jedoch wild in alle Richtungen und quer durcheinander, ungepflegt wirkte er allerdings nicht. Er verlieh dem gefälligen Gesicht darunter vielmehr eine freche Note, die ohne Zweifel einen gewissen Zweck verfolgte. Das winzige Lächeln in den sympathisch geschwungenen Lippen tat hierzu das Übrige. Dabei wirkte dieser junge Mann, der mir nun gegenüberstand, im Augenblick eher ernst und betrachtete mich mit seinen pechschwarzen Augen auf eine arrogante, fast abschätzende Art.

Er hatte etwas von einem Schatten – ständig präsent, aber keineswegs greifbar.

Plötzlich lächelte er amüsiert. Mir fiel es schwer den eingeübten Drang, mein Schwert fester zu fassen, zu unterdrücken.

Dann kicherte er leise.

„Was ist?“, platzte es aus mir heraus.

„Ich sagte doch“, sprach er, während er sich den Parka aufknöpfte und seinen Zustand dabei kritisch betrachtete. „Es war nicht meine Absicht in eine Konfrontation mit dir zu geraten.“

Da waren sie, die Waffen. Als der Bursche sich vollständig aus seiner Jacke befreit hatte, stellte ich fest, dass sich zahlreiche Riemen von den Schultern abwärts bis zur Hüfte quer über seinen Rumpf spannten. Ich entdeckte ein ganzes Arsenal von Wurfmessern, Dolchen, vielseitig gestalteter Nadeln und eine kleine unscheinbare Wildledertasche, die alles Mögliche in sich beherbergen konnte. Bis auf die letzte freie Stelle waren sämtliche Riemen mit professionellen Mordwerkzeugen gespickt, die den schlanken Oberkörper des jungen Mannes wie eine zweite Haut überwucherten. Was genau sich außerdem hinter seinem Rücken befand, konnte ich von meiner Position aus nur erahnen. Aus Prinzip vermutete ich aber erst einmal das Schlimmste.

„Nitja Belting“, stellte er sich vor und streckte mir lächelnd seine Hand entgegen.

Ich ließ diese dort, wo sie war, und rappelte mich aus eigener Kraft vom Boden auf.

„Aiden Wirket“, antwortete ich.

„Interessant, dich kennenzulernen.“

„Spar' dir die Worte“, erwiderte ich ruhig und legte mein Schwert samt Hülle auf das Bett neben mein Kopfkissen.

Nitja schob sich kurzerhand an mir vorbei und berührte eines der runenartigen Symbole am oberen Rahmen des Bettgestells – und er bekam keinen Schlag ...

„So“, sagte er und grinste mich breit an, „jetzt solltest du ohne Schwierigkeiten ins Bett gehen können. Ich wünsche dir eine gute Nacht und angenehme Träume.“

Ich starrte ihn an.

Wurde ich soeben von einem Attentäter, Meuchelmörder, Hexenmeister oder Schlimmerem ins Bett geschickt?!

[...]

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Weiter mit der nächsten Leseprobe aus Buch 1: von Bitterweg. Das DuneburgDebakel (folgt in Kürze)

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Hey, Sweetie! 😊💖✨ Ich bin Platti Lorenz, Fantasy- & Science-Fiction-Autorin und Media Creator - und in genau diesem Rahmen habe ich im Herbst 2024 damit begonnen, das Stichblatt Universe (das du hier gerade erlebst und siehst) aufzubauen. Mein Ziel ist es, meine Stories und Projekte möglichst vielen wunderbaren Menschen zugänglich zu machen und das auf so vielseitige Art wie möglich. 🌈🦄🌱 In diesem Sinne: Enjoy your Journey. 🎠

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