© 2026 Stichblatt by Platti Lorenz
![Leseprobe: Gesucht, gefunden, gestanden [von Bitterweg. Buch 1]](https://cdn.chimpify.net/66fe55f4aa5872dc318b4a57/2025/03/von-Bitterweg.-Das-DuneburgDebakel.-Caput-7-Roman-by-Platti-Lorenz.jpg)

„... na, hwie chehts dener Frau, chat szie ghsacht ... und cher chat gchut ghsacht.“
„Aha.“
„Chja, wirchlich ... un dann chat Rencha gsacht: se is janz schön bplöd, dasse dich imme noch chat.“
„Bist du sicher, dass sie das so gesagt hat?“
„Chja, natschürlisch. Watt hättse sonst sachn solln ... Un dann chast du gchsacht ... äh ... Was hasse nochmal jesacht?“
„Nichts.“
„Aja, nichs ... Wirchlich?“
Ich nickte.
„Oh.“
Erren überlegte, sofern man in ihrem Zustand noch davon sprechen konnte.
„Dann sinn die ja einfach so chjegangen ... bejeintruckend ...“
„Worum ging es doch gleich?“, erkundigte sich der Schankwirt, ohne ernsthaft an dem Inhalt der Antwort interessiert zu sein. Es gehörte schlichtweg zu seiner Arbeit.
„Ich vermute, sie spricht von dieser Truppe aus Halbstarken, die hier mit Gartengeräten die Gegend unsicher macht.“
„Ach, Herten und seine Jungs“, verstand der Mann hinter der Theke.
„Aber Gartengeräte ... Kertje auch? Er legt doch immer so viel Wert auf seine antiken Reinigungsutensilien.“
„Der mit dem Besenstiel? Der war auch dabei.“
„Fascht eine janze Woche warn se hinner mir her“, jammerte Erren und leerte in einem Zug ihren ohnehin so gut wie leeren Bierkrug der Größe Winzig. „Isch will nocheins.“
„Meinst du nicht, dass es für heute reicht?“, sprach ich. „Du hattest heute schon eins ... ein Ganzes.“
„Nhach!“, erwiderte sie. „Stell disch nich so an.“ Erfolglos versuchte sich die junge Frau an einem verschmitzten Lächeln. „Ich werd dir schon nich an die Wäsche jehen.“
Ich betrachtete sie kühl, obwohl jeder andere an meiner Stelle wahrscheinlich die Flucht ergriffen hätte. Zumindest wirkte die eigentlich recht erfahrene Bedienung hinter dem Tresen sichtlich nervös.
Der derbe Mann mittleren Alters starrte in Errens Richtung, sah sie jedoch nicht unmittelbar an. Trotz der prekären Situation schien seine Unruhe anderen Ursprungs zu sein. Ihm war etwas in den Sinn gekommen ...
„Sagte sie, dass die Burschen hinter ihr her waren?“, fragte er mich und schenkte der jungen Frau nach.
„Es hat sich zumindest so angehört“, nickte ich.
„Wie ernst ist es?“ Der Wirt gab sich Mühe gelassen auszusehen.
„Isch wars nich“, mischte Erren sich ein.
„Was eigentlich?“, ging ich auf sie ein.
„Na, diese Runen“, brummte sie. „Isch wollt gucken.“
„Runen?“, ertönte es unsicher von der anderen Seite der Theke.
„Was ist so schlimm daran?“, sagte ich.
„Oh“, fiel dem Wirt urplötzlich etwas ein. „Es ist bald Sperrstunde. Ich meine, gleich, sofort, äh, jetzt.“
„'s ischt doch noch jar nich scho lange dungel draußn“, widersprach Erren, so gut sie konnte.
„Äh, ja der Winter“, antwortete er. „Ist die schönste Jahreszeit in Duneburg. Wollt ihr das schöne Wetter denn nicht noch ein wenig genießen ... hähä ...“
„Warum scholltn wir“, nahm Erren mir meine Reaktion vorweg.
„Nun, tja ...“ Der Mann dachte nach.
Was immer er abwog, es schien ihn einige Überwindung zu kosten, es zur Sprache zu bringen. Schwer atmend stützte er sich mit beiden Fäusten auf die Theke und beugte sich zu uns vor.
„Eure“, schluckte er, „Eure Getränke gehen aufs Haus.“
„Wicklich?!“, freute sich Erren lautstark, worauf der Wirt mit einem nervösen Zwinkern reagierte.
„Dann nehm isch noch ...“
„Erren, der Mann will, dass wir gehen“, fiel ich ihr ins Wort.
„Nahain“, gackerte die junge Frau amüsiert.
Ich blieb ernst.
Sie sah den Schankwirt mit glasigen Augen an.
„Wicklich?“
„Warum?“, wandte sie sich hilfesuchend an mich.
„Weil du eine Menge Ärger am Hals hast?“, sagte ich.
„Ihr beide“, fügte der Wirt halblaut hinzu. „Weil du ihr hilfst“, rechtfertigte er sich, bereit bei jeder überraschenden Bewegung meinerseits in Deckung zu gehen. Dank seines Berufs hatte er darin mit Sicherheit so einiges an Übung.
„Klingt einleuchtend“, gestand ich bitter, „zweifelsohne ein guter Grund, uns beide rauszuschmeißen.“
„Ach, wirklich?“, meinte der Wirt.
„Wicklich?“, fragte Erren.
„Ja, wirklich“, nickte ich ihr zu. „Wer lässt sich schon gern von einer Horde dahergelaufener Gartengeräte und Haushaltswaren verfolgen.“
Sie stutzte, seufzte dann aber sehr mitfühlend. „Da ischt was dranne.“
„Einen klugen Burschen hast du da, Mädchen“, meinte der Schankwirt mit ehrlicher Anerkennung.
Erren prustete sich verlegen in ihr Fäustchen.
„Mach dir keine falschen Hoffnungen“, sagte ich scharf und richtete mich sogleich rechtfertigend an unseren Gastgeber, „Aus irgendeinem Grund rennt sie mir seit Stunden hinterher.“
„Nun ... Ist so etwas nicht normal, wenn man jemandem aus der Klemme hilft?“, meinte dieser. Es klang, als spräche er aus jahrelanger Erfahrung. „Hat angeblich was mit Dankbarkeit zu tun. Aber wenn du mich fragst, wollen die Meisten nur ihren Hintern möglichst lange in Sicherheit bewahren.“
„Ich sollte in Zukunft besser nachdenken, bevor ich etwas tue“, nahm ich mir kaum hörbar vor.
„Wassoll'ndasheiß'n?“, murmelte Erren eingeschnappt.
Ich warf ihr einen nüchternen Blick zu.
„Du hattest genug für heute.“
Ich stand auf.
„Komm lass uns gehen. Ich bring dich nach Hause.“
„Ab'r ischab nochnichausgedrunk'n“, protestierte die junge Frau. Also beschloss ich, dem Elend ein schnelles Ende zu bereiten, und leerte den faustgroßen Bierkrug in einem Zug.
„So, nun komm.“
„Cheh!“, quietschte sie.
Ich ergriff Erren am Handgelenk und zog sie vom Hocker.
Wie ein leerer Heißluftballon sackte sie in sich zusammen. Gerade noch so gelang es mir, sie aufzufangen und wie einen halb vollen Sack Mehl über meine Schulter zu werfen.
Unter unverständlichem Gestammel und Gezeter verließen wir das rustikale Ambiente dieser Gastwirtschaft.
In der Stadt hatte die Nacht bereits großzügig um sich gegriffen. Die Straßen wurden nur noch durch die schummrigen Lichter in den Fenstern einiger Häuser beleuchtet. Kein Mensch war weit und breit zu sehen und selbst der brummende Dauersingsang, der den ganzen Tag über der Stadt gelegen hatte, war völlig klanglos entschwunden. Nicht einmal zwielichtiges Nachtvolk, das einem hinterhältig in der Dunkelheit auflauerte, gab es hier.
„Warum verfolgst du mich?“, sagte ich und unterbrach auf diese Weise Errens wütendes Geplapper.
„Isch weis jar nich wovon du redest?“, ertönte es hinter meinem Rücken. „Du schleppstdoch mich durch die Gjechend.“
„Ach, und in der Kneipe bist du nur zufällig aufgetaucht ...“, erwiderte ich.
„Meen Stammlokal.“
„Wo du jeden Tag hingehst und dir anderthalb Humpen Malzbier in Größe Winzigst genehmigst ...“, spottete ich.
„Die warchen Kröße Winzig ... nich Winzigst“, berichtigte sie mich. „Isch binnurnbischn ausser Übung. Hatte die letschten Taachje ja auchnich viel Tseit.“
„Ich versteh schon“, sprach ich, „Die Gläser mit dem dunkelbraunen Belag, der sich dem Bier als knusprige Zugabe beimischt, kann man regelrecht lieben lernen.“
„Dasch war keine Karamellsklaschur?“ Ihre Stimme begann zu zittern.
„Oh, ganz bestimmt nicht“, lachte ich leise.
„Aeeeeeiidenn ...“, sprach sie plötzlich qualvoll überdehnt.
„Tu mir einen Gefallen und vergiss meinen Namen“, antwortete ich im Weitergehen.
„Ich ... klaub mir ...“
Aus Reflex ließ ich sie fallen und trat ein paar Schritte zur Seite. Unter erschrockenem Ächzen und Röcheln kam der frisch gezapfte Gerstensaft sofort wieder zutage und offenbarte dabei Zutaten, die in der Nähe von Gesundheitsämtern besser nicht näher ausgeführt werden sollten.
„Wie kann man so etwas nur an andere Menschen verfüttern?“, jammerte Erren, nachdem sie die Pfütze auf dem Boden eine Weile betrachtet hatte.
„Vermutlich, weil es kein anderes Lebewesen gibt, das dumm genug ist, dieses Zeug mit Absicht zu vertilgen“, sagte ich.
„Du hast vier große Humpen von diesem Zeug in dich hinein gekippt!“ Sie wurde allmählich nüchtern.
„Die letzten drei nur aus Höflichkeit“, betonte ich. „Eine Frau, die sich einsam in einer Kneipe betrinkt, ist ein sehr deprimierender Anblick. Woher hätte ich denn wissen sollen, dass du mit einem Becher den ganzen Abend rumkriegst.“
Eine grauenhafte Einsicht zeichnete sich auf Errens Gesicht ab.
„In diesem Zustand hätten diese Bastarde alles mit mir machen können ... Oh, ich mag gar nicht bis zum Ende denken ...“
„Na, nun übertreib mal nicht“, beruhigte ich sie. „Für so etwas gibt es dunkle Gassen und Hinterhöfe. Viel eher hätten sie dich an der Theke liegen lassen und sämtliche Getränke auf deine Rechnung bestellt.“
„Was? So was machen die?“
Wie es aussah, hatte ich ihr Weltbild soeben erfolgreich aus den Fugen gebracht. „Du gehst nicht oft in Kneipen, wie?“
Bockig blies sie ihre Backen auf.
„Bis dann“, verabschiedete ich mich und schlug eine Richtung ein, die fürs Erste möglichst weit von ihr wegführte.
Hinter mir hörte ich ein zögerliches Räuspern, gefolgt von ein paar unsicher gehasteten Schritten.
Wieder ein Räuspern.
Offenbar versuchte sich Erren an einer unauffälligen und gleichzeitig bestimmt wirkenden Kontaktaufnahme.
„Es ist spät“, sagte ich. „Solltest du nicht nach Hause gehen?“
„Ohhh! Keine Sorge, das tue ich“, rief sie und stapfte breitbeinig an mir vorbei. Dann tippelte sie unentschlossen vor mir her, wobei sie sich wie ein Leuchtturm in regelmäßigen Umdrehungen zu mir umsah.
„Glaubst du, Herten und seine Männer vom Stadtschutz haben unsere Verfolgung aufgenommen?“, fragte die dürre junge Frau zaghaft.
„Deine“, berichtigte ich. „Du meinst deine Verfolgung.“
Sie schnappte nach Luft und sah mich giftig an.
„Sie sind doch hinter dir her, oder nicht?“
„Ja ... schon ...“
Sie suchte nach den richtigen Worten.
„Aber solange du in meiner Nähe bist, könntest du aus Versehen ins Schussfeld geraten“, belehrte sie mich.
„Verstanden. Dann hör auf, mir zu folgen.“
„Aber ich folge dir doch gar nicht!“, sagte sie. „Wir haben nur zufällig denselben Weg.“
„Ja, es gibt schon merkwürdige Zufälle“, stellte ich trocken fest.
Und wie es ein anderer Zufall so wollte, spürte ich plötzlich ein Stechen in meinem linken Oberarm – und anschließend den ganzen Arm nicht mehr.
„Das ist er!“, rief eine mir nicht unbekannte Stimme.
Meine Beine gaben nach und ich brach widerstandslos zusammen.
„Ojeojeojeojeojeojeojeojeoje ...“, versuchte Erren die Flucht zu ergreifen. Von dem nervösen Flattern mehrschichtiger Oberbekleidung begleitet, entfernten sich ihre überhasteten Schritte von mir.
Es war eine Situation, die mit schlagartig verdächtig bekannt vorkam, da sie mich an zwei ähnliche Begegnungen von heute und vor zwei Tagen erinnerte. Erren. Warum hatte ich dafür so lange gebraucht? Und auf einmal begriff ich, warum diejenigen, die Erren auf den Fersen waren, sehr wohl einen verdammt guten Grund hatten, auch mich zu verfolgen. Sie war es gewesen, der ich zweimal und ohne es zu wissen, zur Flucht vor dem Stadtschutz verholfen hatte. Aber weshalb hatten sowohl ich als auch sie es bei unserer ersten offiziellen Begegnung nicht gemerkt, obwohl es doch so sehr auf der Handgelegen hatte? Hatte es an Renjas Hexerei gelegen? Oder lag es vielmehr an der Stadt und dieser eigentümlichen Stimmung, die sie verbreitete?
Um mich herum war es dunkel geworden. Meine Augen versagten.
Das schrille Quieken einer Frauenstimme schallte durch die Straßen, dann landete etwas sehr gut Gepolstertes der Länge nach auf dem Pflaster.
Ruhe kehrte ein.
Es war nichts zu hören, aber ich konnte spüren, wie sich mir etwas auf leisen Sohlen näherte. Schnelle unregelmäßige Atemgeräusche, als ob etwas nach mir witterte. Dann ein suchendes und auffallend helles Knurren.
„Hejch“, sagte die professionelle Stimme eines Mannes in geduldigem Ton. „Dafür ist später Zeit.“
Die animalischen Geräusche verstummten. Lediglich ein kurzes, akzeptierendes Schnurren ertönte.
Vier, vielleicht fünf Personen kamen herbeigeeilt. Ihre Bewegungen klangen im Grunde recht protzig, wahrscheinlich aus blanker Gewohnheit, dennoch wurden diese durch eine hastige und unsichere Nervosität überlagert.
„Ha, hahahahaa“, lachte jemand, den ich kennen musste. „So sieht man sich also wieder“, flüsterte er lautstark. Wie hieß der Kerl doch gleich noch?
„He ... Herten, sei vorsichtig.“
Ach ja, Herten. Einer von diesen Möchtegernpfeilern der Duneburger Ehrengesellschaft ...
„Er könnte nur so tun als ob“, meinte jemand anderes besorgt.
„Nein, das kann er nicht“, schnarrte die professionelle Stimme, als sei dies eine Selbstverständlichkeit.
„Aber er sieht noch so wach aus?“
Das bin ich auch, dachte ich klar und deutlich, da mir die Möglichkeit zu sprechen inzwischen ebenfalls versagt worden war.
„In der Tat, er ist wach“, bestätigte der außergewöhnlich kompetent klingende Mann.
Bedenkendes Schweigen folgte.
Ich konnte zwar nicht sehen, wie die Männer um mich herum dreinschauten, doch ein gewisser Widerwillen war nicht zu überhören.
„Los, nehmt ihn mit ... und das Mädchen auch“, wies Herten in lang geübtem Brustton an.
Das heftige Getrappel von Stiefeln entfernte sich von mir.
„He, nicht alle auf einmal!“, rief Herten. „Für das Mädchen sind zwei Leute völlig ausreichend.“
Irgendjemand fluchte leise.
„Hat er sich bewegt?“, fragte ein anderer aufgeregt. „Ja, um Himmels Willen, er hat sich bewegt!“
„Seht ihr, wie er uns ansieht?“
„Das kommt durch die Betäubung“, meldete sich die fachkundige Stimme aus einiger Entfernung zu Wort.
„Und ... er tut wirklich nicht nur so ...?“
„Nein.“
Jemand schlurfte wenig begeistert in meine Richtung.
„Du hast recht, er starrt uns wirklich an.“
Gewissermaßen war ich schon ein kleines bisschen von mir selbst beeindruckt. Nicht jeder schaffte es, einer Handvoll Dorftrottel Respekt einzuflößen, ohne zu einer einzigen Bewegung fähig zu sein. Sehen konnte ich trotzdem nichts ...
„Schließen Sie seine Augen, wenn es das ist, was Sie beunruhigt“, meinte jemand mit höflicher Gleichgültigkeit.
„Wir sollen ihn anfassen?“, kreischte ein junger Mann unweit von mir.
„Tolle Kameraden sind das“, brummte ein anderer. Der Lautstärke nach zu urteilen, musste er sich etwa auf der Höhe meiner Schulter befinden. „Schnappen sich einfach das kleine, leichte und vollkommen wehrlose Mädchen ...“
„Sei bloß vorsichtig“, flüstere jemand.
Ich spürte, wie eine warme, schweißnasse Hand meine Augenlider niederdrückte.
Mehrere prüfende Blicke sondierten mich.
„Los, hilf mir.“ Jemand griff unter meinen Arm.
„Nie im Leben!“
„Entweder du packst jetzt mit an oder du darfst den Transport von Madam Hennerfort ganz alleine übernehmen.“
„Aber sie ist so ... Und ich bin so ... Das würdet ihr nicht wagen ... Würdet ihr?“
Madam Hennerfort?, überlegte ich. Sie mussten von Renja sprechen. Sie hatten sie also auch.
„Pack mit an und du bist aus dem Schneider.“
„Aber wenn er ...“
„Je länger Sie warten, desto eher lässt die Betäubung nach“, warf jemand sachlich aus einiger Entfernung ein.
Unbeholfen griff eine weitere Hand unter meine andere Schulter und zog mich mit einem Ruck nach oben.
„Nicht so hastig.“
Anfangs nahm ich noch wahr, wie meine Beine über das raue Kopfsteinpflaster der Straße schleiften. Doch schon bald verlor ich auch das letzte bisschen Gefühl in meinen Gliedmaßen. Selbst meine Sinne versagten zunehmend ihren Dienst. Von Zeit zu Zeit riss sogar mein Bewusstsein ab und ich stellte plötzlich fest, dass wir uns nicht mehr in den Straßen von Duneburg bewegten.
Dielen knarrten unter den Schritten der Männer. Jedoch klangen diese Dielen weder morsch noch alt, wie man es in vielen betagten Häusern vernehmen konnte, wo die dünnen Holzlagen laut knarzend um einen baldigen Austausch baten. Die Dielen, die in diesen Räumlichkeiten verarbeitet worden waren, hatten so etwas wie Persönlichkeit – wenn nicht sogar eine Ausstrahlung. Eine von Meisterhand angefertigte, exquisite wie auch teure Ausstrahlung. Das Knarren beschränkte sich daher auf ein dezentes Knirschen, vorausgesetzt die viel zu wohlgeratenen Dielen ließen sich dazu herab.
Eine Tür wurde geöffnet.
Worte wurden gewechselt, verstehen konnte ich allerdings nichts. Die Schritte der Männer klangen gedämpfter.
„Hierhin.“
Man verlagerte mein Gewicht. Ich wurde in einen Stuhl gepresst und an den Extremitäten und über meiner Brust fixiert.
„Mach schneller. Ich glaube er wird wach.“
In Gedanken bedankte ich mich für diesen Hinweis und beschloss, ihn entsprechend zu beherzigen. Also versuchte ich, was auch immer an mir zu bewegen. Eine Reihe zerrender Geräusche, wie von zu fest gespannten Ledergurten, war die Folge.
„Ja, er wacht auf!“, kreischte jemand vor Schreck.
„Er muss einen guten Stoffwechsel haben“, meinte eine kontrollierte Stimme anerkennend.
Eine kalte Hand griff mir an den Kopf und drückte ihn in den Nacken. Eine zweite Hand schob anschließend eines meiner Augenlider nach oben. Ich für meinen Teil sah immer noch nichts.
„Interessant“, stellte die professionelle Stimme fest. „Die feineren Nervenenden sind noch blockiert, aber die Grobmotorik scheint sich wieder einzustellen. Ungewöhnlich. – Und Sie sind sich sicher, dass er derjenige ist, den wir suchen?“
„Nun“, sprach die Stimme eines jungen Mannes zögerlich, „zumindest hatte er etwas mit dem Mädchen zu schaffen.“
„Er hat sich uns nicht nur einmal in den Weg gestellt, als wir kurz davor waren sie festzunehmen“, bestätigte Herten. „Schon als wir ihm vor ein paar Tagen vor der Stadt begegnet sind, hatte ich ein sehr merkwürdiges Gefühl bei diesem Burschen.“ Ich konnte spüren, wie er einen anklagenden Zeigefinger auf mich richtete.
„Und weshalb haben Sie mich erst heute benachrichtigt?“, hakte die offiziell klingende Herrenstimme nach.
„Er ...“, sprach Herten, „er benahm sich nur wenig auffällig ... und er wirkte nicht wie jemand von hier. Sie wissen ja, wie das mit den Besuchern hierzulande gehandhabt wird ... Also haben wir ihn verwarnt und es fürs erste dabei belassen.“
Was für ein kleiner, schleimiger Lügner, dachte ich und ließ mir unsere erste Begegnung noch einmal durch den Kopf gehen.
„Herten?“, mischte sich jemand beunruhigt ein.
„Was?“
„Schau dir an, wie er grinst ... Als würde er etwas aushecken ...“ Die Stimme des jungen Mannes zitterte. Und ich dachte, einen Anflug von Panik darin zu erkennen.
„Das ist nur eine Nebenwirkung der Drogen, vermute ich“, sprach die professionelle Stimme, wenn auch in einem nachdenklichen Tonfall.
„Aber das Mädchen verzieht nicht die geringste Miene.“
„Nebenwirkungen sind dafür bekannt, dass sie nur in bestimmten Fällen auftreten können“, erklärte die seriöse Herrenstimme. „In diesem Fall handelt es sich sogar um eine Nebenwirkung, die nur in einem von eintausend Fällen zutage tritt. Wahrscheinlich liegt es daran, dass er nicht von hier stammt und in seinem Blut andere Substanzen gelöst sind.“
Ahnungsloses Schweigen füllte den Raum.
„Das bedeutet: Das Grinsen tritt nicht sehr oft auf, aber es kann auftreten.“
Irgendwer rang sich ein verständnisloses „Aha“ ab.
„Sollten wir nicht langsam auch die andere Frau holen?“, wechselte jemand das Thema, „Ich meine, bevor die auch zu grinsen anfängt.“
„Aber sie hat doch das Mittel gar nicht bekommen.“
Ein besonders kompetentes Seufzen ertönte.
„Oh.“
„Gehen wir einfach“, beschloss der außergewöhnlich fähig klingende Mann resigniert.
Ich hörte wie mehrere Personen fluchtartig den Raum verließen. Die Tür knallte zu und ein paar der extravaganten Dielen auf dem Flur gaben ihr teuer bezahltes Knarzen zum Besten.
Eine nichtssagende Ruhe trat ein. Ich merkte erst, dass ich in meiner persönlichen Dunkelheit eingenickt war, als mich ein jammernder Laut wieder zu Bewusstsein rief.
„... hhaidnn ...“
„Ich sagte dir doch, dass du meinen Namen vergessen sollst“, knurrte ich verschlafen.
„Hwo sin' wir?“, setzte sich das Gejammer fort.
Noch nicht ganz wieder bei Besinnung, sah ich mich um. Die Wirkung der Betäubung hatte sich inzwischen verflüchtigt.
Mein erster Blick fiel auf – nun, ja ... – Erren.
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