stichblatt.de https://www.stichblatt.de/von-bitterweg-blog/ Mon, 20 Jul 2026 05:31:01 +0000 de-DE hourly 1 Leseprobe: Gesucht, gefunden, gestanden [von Bitterweg. Buch 1] https://www.stichblatt.de/von-bitterweg-blog/leseprobe-gesucht-gefunden-gestanden-von-bitterweg-buch-1 https://www.stichblatt.de/von-bitterweg-blog/leseprobe-gesucht-gefunden-gestanden-von-bitterweg-buch-1#comments Sun, 26 Apr 2026 11:30:21 +0000 by Platti Lorenz Buch 1 Fantasy von Bitterweg Kapitel 7 https://www.stichblatt.de/von-bitterweg-blog/leseprobe-gesucht-gefunden-gestanden-von-bitterweg-buch-1 Weiterlesen

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„... na, hwie chehts dener Frau, chat szie ghsacht ... und cher chat gchut ghsacht.“

„Aha.“

„Chja, wirchlich ... un dann chat Rencha gsacht: se is janz schön bplöd, dasse dich imme noch chat.“

„Bist du sicher, dass sie das so gesagt hat?“

„Chja, natschürlisch. Watt hättse sonst sachn solln ... Un dann chast du gchsacht ... äh ... Was hasse noch­mal jesacht?“

„Nichts.“

„Aja, nichs ... Wirchlich?“

Ich nickte.

„Oh.“

Erren überlegte, sofern man in ihrem Zustand noch davon sprechen konnte.

„Dann sinn die ja ein­fach so chjegangen ... bejeintruckend ...“

„Worum ging es doch gleich?“, erkundigte sich der Schank­wirt, ohne ernsthaft an dem Inhalt der Ant­wort interessiert zu sein. Es gehörte schlichtweg zu seiner Arbeit.

„Ich vermute, sie spricht von dieser Truppe aus Halbstar­ken, die hier mit Gartengeräten die Gegend unsi­cher macht.“

„Ach, Herten und seine Jungs“, verstand der Mann hinter der Theke.

„Aber Gartengeräte ... Kertje auch? Er legt doch immer so viel Wert auf seine antiken Reinigungsuten­silien.“

„Der mit dem Besenstiel? Der war auch dabei.“

„Fascht eine janze Woche warn se hinner mir her“, jammerte Erren und leerte in einem Zug ihren ohnehin so gut wie leeren Bierkrug der Größe Winzig. „Isch will nocheins.“

„Meinst du nicht, dass es für heute reicht?“, sprach ich. „Du hattest heute schon eins ... ein Ganzes.“

„Nhach!“, erwiderte sie. „Stell disch nich so an.“ Erfolglos versuchte sich die junge Frau an einem verschmitzten Lächeln. „Ich werd dir schon nich an die Wäsche jehen.“

Ich betrachtete sie kühl, obwohl jeder andere an mei­ner Stelle wahrscheinlich die Flucht ergriffen hätte. Zumindest wirkte die eigentlich recht erfahrene Bedie­nung hinter dem Tresen sichtlich nervös.

Der derbe Mann mittleren Alters starrte in Errens Richtung, sah sie jedoch nicht unmittelbar an. Trotz der prekä­ren Situation schien seine Unruhe anderen Ursprungs zu sein. Ihm war etwas in den Sinn gekommen ...

„Sagte sie, dass die Burschen hinter ihr her waren?“, fragte er mich und schenkte der jungen Frau nach.

„Es hat sich zumindest so angehört“, nickte ich.

„Wie ernst ist es?“ Der Wirt gab sich Mühe gelassen auszu­sehen.

„Isch wars nich“, mischte Erren sich ein.

„Was eigentlich?“, ging ich auf sie ein.

„Na, diese Runen“, brummte sie. „Isch wollt gucken.“

„Runen?“, ertönte es unsicher von der anderen Seite der Theke.

„Was ist so schlimm daran?“, sagte ich.

„Oh“, fiel dem Wirt urplötzlich etwas ein. „Es ist bald Sperrstunde. Ich meine, gleich, sofort, äh, jetzt.“

„'s ischt doch noch jar nich scho lange dungel draußn“, widersprach Erren, so gut sie konnte.

„Äh, ja der Winter“, antwortete er. „Ist die schönste Jahres­zeit in Duneburg. Wollt ihr das schöne Wetter denn nicht noch ein wenig genießen ... hähä ...“

„Warum scholltn wir“, nahm Erren mir meine Reak­tion vorweg.

„Nun, tja ...“ Der Mann dachte nach.

Was immer er abwog, es schien ihn einige Überwindung zu kosten, es zur Sprache zu bringen. Schwer atmend stützte er sich mit beiden Fäusten auf die Theke und beugte sich zu uns vor.

„Eure“, schluckte er, „Eure Getränke gehen aufs Haus.“

„Wicklich?!“, freute sich Erren lautstark, worauf der Wirt mit einem nervösen Zwinkern reagierte.

„Dann nehm isch noch ...“

„Erren, der Mann will, dass wir gehen“, fiel ich ihr ins Wort.

„Nahain“, gackerte die junge Frau amüsiert.

Ich blieb ernst.

Sie sah den Schankwirt mit glasigen Augen an.

„Wicklich?“

„Warum?“, wandte sie sich hilfesuchend an mich.

„Weil du eine Menge Ärger am Hals hast?“, sagte ich.

„Ihr beide“, fügte der Wirt halblaut hinzu. „Weil du ihr hilfst“, rechtfertigte er sich, bereit bei jeder überraschenden Bewegung meinerseits in Deckung zu gehen. Dank seines Berufs hatte er darin mit Sicher­heit so einiges an Übung.

„Klingt einleuchtend“, gestand ich bitter, „zweifels­ohne ein guter Grund, uns beide rauszuschmeißen.“

„Ach, wirklich?“, meinte der Wirt.

„Wicklich?“, fragte Erren.

„Ja, wirklich“, nickte ich ihr zu. „Wer lässt sich schon gern von einer Horde dahergelaufener Garten­geräte und Haushaltswaren verfolgen.“

Sie stutzte, seufzte dann aber sehr mitfühlend. „Da ischt was dranne.“

„Einen klugen Burschen hast du da, Mädchen“, meinte der Schankwirt mit ehrlicher Anerkennung.

Erren prustete sich verlegen in ihr Fäustchen.

„Mach dir keine falschen Hoffnungen“, sagte ich scharf und richtete mich sogleich rechtfertigend an unseren Gastgeber, „Aus irgendeinem Grund rennt sie mir seit Stunden hinterher.“

„Nun ... Ist so etwas nicht normal, wenn man jeman­dem aus der Klemme hilft?“, meinte dieser. Es klang, als sprä­che er aus jahrelanger Erfahrung. „Hat an­geb­lich was mit Dankbarkeit zu tun. Aber wenn du mich fragst, wollen die Meisten nur ihren Hin­tern möglichst lange in Sicherheit bewahren.“

„Ich sollte in Zukunft besser nachdenken, bevor ich etwas tue“, nahm ich mir kaum hörbar vor.

„Wassoll'ndasheiß'n?“, murmelte Erren eingeschnappt.

Ich warf ihr einen nüchternen Blick zu.

„Du hattest genug für heute.“

Ich stand auf.

„Komm lass uns gehen. Ich bring dich nach Hause.“

„Ab'r ischab nochnichausgedrunk'n“, protestierte die junge Frau. Also beschloss ich, dem Elend ein schnel­les Ende zu bereiten, und leerte den faustgroßen Bier­krug in einem Zug.

„So, nun komm.“

„Cheh!“, quietschte sie.

Ich ergriff Erren am Handgelenk und zog sie vom Hocker.

Wie ein leerer Heißluftballon sackte sie in sich zusammen. Gerade noch so gelang es mir, sie aufzu­fangen und wie einen halb vollen Sack Mehl über meine Schulter zu werfen.

Unter unverständlichem Gestammel und Gezeter verlie­ßen wir das rustikale Ambiente dieser Gastwirtschaft.

In der Stadt hatte die Nacht bereits großzügig um sich gegrif­fen. Die Straßen wurden nur noch durch die schumm­rigen Lichter in den Fenstern eini­ger Häuser beleuchtet. Kein Mensch war weit und breit zu sehen und selbst der brummende Dauer­sing­sang, der den ganzen Tag über der Stadt gelegen hatte, war völlig klanglos entschwunden. Nicht einmal zwielich­tiges Nachtvolk, das einem hinter­hältig in der Dunkelheit auflauerte, gab es hier.

„Warum verfolgst du mich?“, sagte ich und unterbrach auf diese Weise Errens wütendes Geplapper.

„Isch weis jar nich wovon du redest?“, ertönte es hin­ter meinem Rücken. „Du schleppstdoch mich durch die Gjechend.“

„Ach, und in der Kneipe bist du nur zufällig aufge­taucht ...“, erwiderte ich.

„Meen Stammlokal.“

„Wo du jeden Tag hingehst und dir anderthalb Hum­pen Malzbier in Größe Winzigst genehmigst ...“, spot­tete ich.

„Die warchen Kröße Winzig ... nich Winzigst“, berich­tigte sie mich. „Isch binnurnbischn ausser Übung. Hatte die letschten Taachje ja auchnich viel Tseit.“

„Ich versteh schon“, sprach ich, „Die Gläser mit dem dunkelbraunen Belag, der sich dem Bier als knusprige Zugabe beimischt, kann man regelrecht lieben ler­nen.“

„Dasch war keine Karamellsklaschur?“ Ihre Stimme begann zu zittern.

„Oh, ganz bestimmt nicht“, lachte ich leise.

„Aeeeeeiidenn ...“, sprach sie plötzlich qualvoll überdehnt.

„Tu mir einen Gefallen und vergiss meinen Namen“, antwortete ich im Weitergehen.

„Ich ... klaub mir ...“

Aus Reflex ließ ich sie fallen und trat ein paar Schritte zur Seite. Unter erschrockenem Ächzen und Röcheln kam der frisch gezapfte Gerstensaft sofort wieder zu­tage und offenbarte dabei Zutaten, die in der Nähe von Gesund­heitsämtern besser nicht näher ausgeführt werden sollten.

„Wie kann man so etwas nur an andere Menschen verfüt­tern?“, jammerte Erren, nachdem sie die Pfütze auf dem Boden eine Weile betrachtet hatte.

„Vermutlich, weil es kein anderes Lebewesen gibt, das dumm genug ist, dieses Zeug mit Absicht zu vertil­gen“, sagte ich.

„Du hast vier große Humpen von diesem Zeug in dich hinein gekippt!“ Sie wurde allmählich nüchtern.

„Die letzten drei nur aus Höflichkeit“, betonte ich. „Eine Frau, die sich einsam in einer Kneipe betrinkt, ist ein sehr deprimierender Anblick. Woher hätte ich denn wissen sollen, dass du mit einem Becher den ganzen Abend rumkriegst.“

Eine grauenhafte Einsicht zeichnete sich auf Errens Gesicht ab.

„In diesem Zustand hätten diese Bastarde alles mit mir machen können ... Oh, ich mag gar nicht bis zum Ende denken ...“

„Na, nun übertreib mal nicht“, beruhigte ich sie. „Für so etwas gibt es dunkle Gassen und Hinterhöfe. Viel eher hätten sie dich an der Theke liegen lassen und sämtliche Getränke auf deine Rechnung be­stellt.“

„Was? So was machen die?“

Wie es aussah, hatte ich ihr Weltbild soeben erfolgreich aus den Fugen gebracht. „Du gehst nicht oft in Kneipen, wie?“

Bockig blies sie ihre Backen auf.

„Bis dann“, verabschiedete ich mich und schlug eine Richtung ein, die fürs Erste möglichst weit von ihr wegführte.

Hinter mir hörte ich ein zögerliches Räuspern, gefolgt von ein paar unsicher gehasteten Schritten.

Wieder ein Räuspern.

Offenbar versuchte sich Erren an einer unauf­fälligen und gleichzeitig bestimmt wirkenden Kontakt­aufnahme.

„Es ist spät“, sagte ich. „Solltest du nicht nach Hause gehen?“

„Ohhh! Keine Sorge, das tue ich“, rief sie und stapfte breitbeinig an mir vorbei. Dann tippelte sie unentschlossen vor mir her, wobei sie sich wie ein Leucht­turm in regelmäßigen Umdrehungen zu mir umsah.

„Glaubst du, Herten und seine Männer vom Stadt­schutz haben unsere Verfolgung aufgenommen?“, fragte die dürre junge Frau zaghaft.

„Deine“, berichtigte ich. „Du meinst deine Verfolgung.“

Sie schnappte nach Luft und sah mich giftig an.

„Sie sind doch hinter dir her, oder nicht?“

„Ja ... schon ...“

Sie suchte nach den richtigen Wor­ten.

„Aber solange du in meiner Nähe bist, könntest du aus Versehen ins Schussfeld geraten“, belehrte sie mich.

„Verstanden. Dann hör auf, mir zu folgen.“

„Aber ich folge dir doch gar nicht!“, sagte sie. „Wir haben nur zufällig denselben Weg.“

„Ja, es gibt schon merkwürdige Zufälle“, stellte ich trocken fest.

Und wie es ein anderer Zufall so wollte, spürte ich plötzlich ein Stechen in meinem linken Oberarm – und anschlie­ßend den ganzen Arm nicht mehr.

„Das ist er!“, rief eine mir nicht unbekannte Stimme.

Meine Beine gaben nach und ich brach widerstandslos zusammen.

„Ojeojeojeojeojeojeojeojeoje ...“, versuchte Erren die Flucht zu ergreifen. Von dem nervösen Flattern mehr­schichtiger Oberbekleidung begleitet, entfernten sich ihre überhasteten Schritte von mir.

Es war eine Situation, die mit schlagartig verdächtig bekannt vorkam, da sie mich an zwei ähnliche Begeg­nungen von heute und vor zwei Tagen erinnerte. Erren. Warum hatte ich dafür so lange gebraucht? Und auf einmal begriff ich, warum diejenigen, die Erren auf den Fersen waren, sehr wohl einen verdammt guten Grund hatten, auch mich zu verfolgen. Sie war es gewe­sen, der ich zweimal und ohne es zu wissen, zur Flucht vor dem Stadtschutz verholfen hatte. Aber wes­halb hatten sowohl ich als auch sie es bei unserer ersten offiziellen Begeg­nung nicht gemerkt, obwohl es doch so sehr auf der Handgelegen hatte? Hatte es an Renjas Hexerei gelegen? Oder lag es vielmehr an der Stadt und dieser eigentümlichen Stimmung, die sie verbreitete?

Um mich herum war es dunkel geworden. Meine Augen versagten.

Das schrille Quieken einer Frauenstimme schallte durch die Straßen, dann landete etwas sehr gut Gepolstertes der Länge nach auf dem Pflaster.

Ruhe kehrte ein.

Es war nichts zu hören, aber ich konnte spüren, wie sich mir etwas auf leisen Sohlen näherte. Schnelle unregelmäßige Atemgeräusche, als ob etwas nach mir witterte. Dann ein suchendes und auffallend helles Knurren.

„Hejch“, sagte die professionelle Stimme eines Mannes in geduldigem Ton. „Dafür ist später Zeit.“

Die animalischen Geräusche verstummten. Lediglich ein kurzes, akzeptierendes Schnurren ertönte.

Vier, vielleicht fünf Personen kamen herbeigeeilt. Ihre Bewegungen klangen im Grunde recht protzig, wahrscheinlich aus blanker Gewohnheit, dennoch wurden diese durch eine hastige und unsichere Nervosität überlagert.

„Ha, hahahahaa“, lachte jemand, den ich kennen musste. „So sieht man sich also wieder“, flüsterte er lautstark. Wie hieß der Kerl doch gleich noch?

„He ... Herten, sei vorsichtig.“

Ach ja, Herten. Einer von diesen Möchtegernpfeilern der Duneburger Ehrengesellschaft ...

„Er könnte nur so tun als ob“, meinte jemand anderes besorgt.

„Nein, das kann er nicht“, schnarrte die professionelle Stimme, als sei dies eine Selbstverständlichkeit.

„Aber er sieht noch so wach aus?“

Das bin ich auch, dachte ich klar und deutlich, da mir die Möglichkeit zu sprechen inzwischen ebenfalls versagt worden war.

„In der Tat, er ist wach“, bestätigte der außergewöhnlich kompetent klingende Mann.

Bedenkendes Schweigen folgte.

Ich konnte zwar nicht sehen, wie die Männer um mich herum dreinschauten, doch ein gewisser Widerwillen war nicht zu überhören.

„Los, nehmt ihn mit ... und das Mädchen auch“, wies Herten in lang geübtem Brustton an.

Das heftige Getrappel von Stiefeln entfernte sich von mir.

„He, nicht alle auf einmal!“, rief Herten. „Für das Mädchen sind zwei Leute völlig ausreichend.“

Irgendjemand fluchte leise.

„Hat er sich bewegt?“, fragte ein anderer aufgeregt. „Ja, um Himmels Willen, er hat sich bewegt!“

„Seht ihr, wie er uns ansieht?“

„Das kommt durch die Betäubung“, meldete sich die fachkundige Stimme aus einiger Entfernung zu Wort.

„Und ... er tut wirklich nicht nur so ...?“

„Nein.“

Jemand schlurfte wenig begeistert in meine Richtung.

„Du hast recht, er starrt uns wirklich an.“

Gewissermaßen war ich schon ein kleines bisschen von mir selbst beeindruckt. Nicht jeder schaffte es, einer Handvoll Dorftrottel Respekt einzuflößen, ohne zu einer einzigen Bewegung fähig zu sein. Sehen konnte ich trotzdem nichts ...

„Schließen Sie seine Augen, wenn es das ist, was Sie beunruhigt“, meinte jemand mit höflicher Gleichgültigkeit.

„Wir sollen ihn anfassen?“, kreischte ein junger Mann unweit von mir.

„Tolle Kameraden sind das“, brummte ein anderer. Der Lautstärke nach zu urteilen, musste er sich etwa auf der Höhe meiner Schulter befinden. „Schnappen sich einfach das kleine, leichte und vollkommen wehrlose Mädchen ...“

„Sei bloß vorsichtig“, flüstere jemand.

Ich spürte, wie eine warme, schweißnasse Hand meine Augenlider niederdrückte.

Mehrere prüfende Blicke sondierten mich.

„Los, hilf mir.“ Jemand griff unter meinen Arm.

„Nie im Leben!“

„Entweder du packst jetzt mit an oder du darfst den Transport von Madam Hennerfort ganz alleine über­neh­men.“

„Aber sie ist so ... Und ich bin so ... Das würdet ihr nicht wagen ... Würdet ihr?“

Madam Hennerfort?, überlegte ich. Sie mussten von Renja sprechen. Sie hatten sie also auch.

„Pack mit an und du bist aus dem Schneider.“

„Aber wenn er ...“

„Je länger Sie warten, desto eher lässt die Betäubung nach“, warf jemand sachlich aus einiger Entfernung ein.

Unbeholfen griff eine weitere Hand unter meine andere Schulter und zog mich mit einem Ruck nach oben.

„Nicht so hastig.“

Anfangs nahm ich noch wahr, wie meine Beine über das raue Kopfsteinpflaster der Straße schleiften. Doch schon bald verlor ich auch das letzte bisschen Gefühl in meinen Gliedmaßen. Selbst meine Sinne versagten zunehmend ihren Dienst. Von Zeit zu Zeit riss sogar mein Bewusstsein ab und ich stellte plötzlich fest, dass wir uns nicht mehr in den Straßen von Duneburg bewegten.

Dielen knarrten unter den Schritten der Männer. Jedoch klangen diese Dielen weder morsch noch alt, wie man es in vielen betagten Häusern vernehmen konnte, wo die dünnen Holzlagen laut knarzend um einen baldigen Austausch baten. Die Dielen, die in diesen Räumlichkei­ten verarbeitet worden waren, hatten so etwas wie Persön­lichkeit – wenn nicht sogar eine Ausstrahlung. Eine von Meisterhand angefertigte, exquisite wie auch teure Ausstrahlung. Das Knarren beschränkte sich daher auf ein dezentes Knirschen, vorausgesetzt die viel zu wohlgeratenen Dielen ließen sich dazu herab.

Eine Tür wurde geöffnet.

Worte wurden gewechselt, verste­hen konnte ich allerdings nichts. Die Schritte der Männer klangen gedämpfter.

„Hierhin.“

Man verlagerte mein Gewicht. Ich wurde in einen Stuhl gepresst und an den Extremitäten und über meiner Brust fixiert.

„Mach schneller. Ich glaube er wird wach.“

In Gedanken bedankte ich mich für diesen Hinweis und beschloss, ihn entsprechend zu beherzigen. Also versuchte ich, was auch immer an mir zu bewegen. Eine Reihe zerrender Geräusche, wie von zu fest gespannten Ledergurten, war die Folge.

„Ja, er wacht auf!“, kreischte jemand vor Schreck.

„Er muss einen guten Stoffwechsel haben“, meinte eine kontrollierte Stimme anerkennend.

Eine kalte Hand griff mir an den Kopf und drückte ihn in den Nacken. Eine zweite Hand schob anschließend eines meiner Augenlider nach oben. Ich für meinen Teil sah immer noch nichts.

„Interessant“, stellte die professionelle Stimme fest. „Die feineren Nervenenden sind noch blockiert, aber die Grob­motorik scheint sich wieder einzustellen. Ungewöhnlich. – Und Sie sind sich sicher, dass er derjenige ist, den wir suchen?“

„Nun“, sprach die Stimme eines jungen Mannes zögerlich, „zumindest hatte er etwas mit dem Mädchen zu schaffen.“

„Er hat sich uns nicht nur einmal in den Weg gestellt, als wir kurz davor waren sie fest­zunehmen“, bestätigte Herten. „Schon als wir ihm vor ein paar Tagen vor der Stadt begegnet sind, hatte ich ein sehr merkwürdiges Gefühl bei diesem Burschen.“ Ich konnte spüren, wie er einen anklagenden Zeigefinger auf mich richtete.

„Und weshalb haben Sie mich erst heute benachrich­tigt?“, hakte die offiziell klingende Herrenstimme nach.

„Er ...“, sprach Herten, „er benahm sich nur wenig auffällig ... und er wirkte nicht wie jemand von hier. Sie wissen ja, wie das mit den Besuchern hierzulande gehand­habt wird ... Also haben wir ihn verwarnt und es fürs erste dabei belassen.“

Was für ein kleiner, schleimiger Lügner, dachte ich und ließ mir unsere erste Begegnung noch einmal durch den Kopf gehen.

„Herten?“, mischte sich jemand beunruhigt ein.

„Was?“

„Schau dir an, wie er grinst ... Als würde er etwas aushecken ...“ Die Stimme des jungen Mannes zitterte. Und ich dachte, einen Anflug von Panik darin zu erkennen.

„Das ist nur eine Nebenwirkung der Drogen, vermute ich“, sprach die professionelle Stimme, wenn auch in einem nachdenklichen Tonfall.

„Aber das Mädchen verzieht nicht die geringste Miene.“

„Nebenwirkungen sind dafür bekannt, dass sie nur in bestimmten Fällen auftreten können“, erklärte die seriöse Herrenstimme. „In diesem Fall handelt es sich sogar um eine Nebenwirkung, die nur in einem von eintausend Fällen zutage tritt. Wahrscheinlich liegt es daran, dass er nicht von hier stammt und in seinem Blut andere Substanzen gelöst sind.“

Ahnungsloses Schweigen füllte den Raum.

„Das bedeutet: Das Grinsen tritt nicht sehr oft auf, aber es kann auftreten.“

Irgendwer rang sich ein verständnisloses „Aha“ ab.

„Sollten wir nicht langsam auch die andere Frau holen?“, wechselte jemand das Thema, „Ich meine, bevor die auch zu grinsen anfängt.“

„Aber sie hat doch das Mittel gar nicht bekommen.“

Ein besonders kompetentes Seufzen ertönte.

„Oh.“

„Gehen wir einfach“, beschloss der außergewöhnlich fähig klingende Mann resigniert.

Ich hörte wie mehrere Personen fluchtartig den Raum verließen. Die Tür knallte zu und ein paar der extravagan­ten Dielen auf dem Flur gaben ihr teuer bezahl­tes Knarzen zum Besten.

Eine nichtssagende Ruhe trat ein. Ich merkte erst, dass ich in meiner persönlichen Dunkelheit eingenickt war, als mich ein jammernder Laut wieder zu Bewusstsein rief.

„... hhaidnn ...“

„Ich sagte dir doch, dass du meinen Namen vergessen sollst“, knurrte ich verschlafen.

„Hwo sin' wir?“, setzte sich das Gejammer fort.

Noch nicht ganz wieder bei Besinnung, sah ich mich um. Die Wirkung der Betäubung hatte sich inzwischen verflüch­tigt.

Mein erster Blick fiel auf – nun, ja ... – Erren.

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Weiter mit der nächsten Leseprobe aus Buch 1: von Bitterweg. Das DuneburgDebakel (folgt in Kürze)

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Eins ... Drei ... Fünf ..., tastete ich mich in der trägen Dunkelheit des oberen Stockwerks von Tür zu Tür und von Zimmernummer zu Zimmernummer. Die Vier hatte ich bisher noch nicht gefunden.

Aber, wer bitte hielt es für eine gute Idee, einen Haufen stockbesoffener Waldschrate einen finsteren Flur entlangzuschicken, in dem sich alle geraden Zimmernummern auf der einen und alle ungeraden auf der anderen Seite befanden?!

Ich wechselte zur gegenüberliegenden Wand.

Acht ... Sechs ... Ah ja, Vier! Aufschließen ... Hrgh!

Ich hechtete zum Fenster – dem winzigen, verglasten Loch mit Holzrahmen in der Wand – und riss es auf. Hier hatten eindeutig zu viele Menschen mit viel zu wenig Sinn für Hygiene viel zu viel Zeit miteinander verbracht.

Aber ich konnte von Glück reden, dass ich trotz der späten Stunde der Einzige in diesem Zimmer war. Ich verspürte nämlich nur ein sehr geringes Bedürfnis danach, die Nacht mit menschenähnlichen Wesen zu verbringen, denen es durch bloße Anwesenheit gelang, saubere Sumpfluft in eine todbringende Dunstwolke zu verwandeln.

Mit der Bewusstlosigkeit ringend, klemmte ich mich so dicht wie möglich ans Fenster, bis die beißenden Gase meinen Geruchssinn betäubt und für diese besondere Duftnote bis auf Weiteres unbrauchbar gemacht hatten. Schon nach wenigen Augenblicken nahm ich nur noch einen leichten Hauch menschlichen Lotterlebens mit moorigen Akzenten wahr.

Während ich nun so da hing und diese neue Atmosphäre zu ertragen lernte, ließ ich den Blick durch das Halbdunkel meiner Unterkunft schweifen. Und ich entdeckte eine weitere besondere Note, auf welche diese Gastwirtschaft großen Wert zu legen schien.

Neben meiner Wenigkeit befanden sich in diesem Raum vier ausgewachsene Doppelstockbetten, inklusive einer Ausstattung in Form von Federbetten und Kopfkissen – selbstverständlich alles mit der gängigen Mindestmenge an Bettwäsche überzogen. Das Markante an diesem Ensemble war für mich nur, dass über eben dieser Bettwäsche ein weiterer Bezug zu liegen schien, der mich unweigerlich an eine überalterte Kuchenglasur mit sehr kalorienreichen Inhaltsstoffen erinnerte.

Sicherlich war dieser ölige Glanz in gewisser Hinsicht überaus praktisch, wenn es darum ging, Geld für Leuchtmittel zu sparen. Denn er reflektierte das fahle Mondlicht, welches durch das winzige Fenster hereinfiel, vorzüglich und konnte es sogar um ein paar Millicandela verstärken. Allerdings hegte ich begründete Zweifel, dass in einem dieser Betten eine angenehme Nacht auf mich warten würde.

In Gedanken war ich schon kurz davor, mich auf eine halbwegs erholsame Ruhephase in unmittelbarer Bodennähe einzurichten, als mir auffiel, dass eines der Betten wesentlich weniger Strahlung von sich gab. Gleich neben mir, links vom Fenster. Eben wie es mir der Wirt ja auch beschrieben hatte ...

Zu meiner ernsthaften Überraschung – ja, zu meiner fassungslosen Verblüffung – stand in diesem Zimmer ein einwandfreies, frisch bezogenes Bett, das schon bei seinem bloßen Anblick den Geruch soeben gelüfteter Wäsche und starken Waschmittels in meiner Erinnerung hervorrief. In Gedanken zog ich meinen metaphorischen Hut vor dem Schankwirt oder demjenigen, der es geschafft hatte, in dieser Heimat menschlichen Unrats ein solch brillierendes Stück Sauberkeit zu bewahren.

Doch nicht nur der für mich bestimmte untere Bereich des Etagenbettes folgte einem anderen Hygienestandard als alles andere in diesem Zimmer. Auch die obere Liege wies deutliche Spuren von erst vor Kurzem gewechselter Bettwäsche auf. Jedenfalls, wenn man einmal davon absah, dass letztere sich unter einem Haufen Gerümpel versteckte ... Hätte man für diese Ansammlung eine Inventarliste anfertigen wollen, wäre diese wahrscheinlich mit ein paar harmlosen Schreibutensilien, wie Tinte und Pergament, losgegangen und – nach der Erfassung zahlreicher kleiner Lederbeutel unbekannten Inhalts – schließlich bei eher bedenklichen Dingen gelandet, die, wie Blutfleckweg oder Hämoschrubber, auf gewissenhafte Waffenpflege schließen ließen. Wer auch immer da oben nächtigte, hatte mit Sicherheit jede Menge Langeweile, einen üppigen Geldbeutel und des Öfteren Probleme mit Blutspuren an unerwünschten Stellen.

Von einem Funken Neugier ergriffen trat ich näher heran, um eine bessere Sicht auf diese offen dargelegten Persönlichkeitsstrukturen zu erhalten – und griff unbewusst mit einer Hand nach der Bettkante.

Ich schrie auf und riss eilig meine Hand zurück. Ein heißer pulsierender Schlag hatte mich gepackt und meine Hand beinahe von innen heraus zerrissen. Zumindest fühlte es sich so an. Wenige Sekunden nach dem ersten Schrecken war jeder Schmerz verflogen. Nur meine Hand blieb noch etwas taub und ich spürte, wie das Gefühl langsam in sie zurückschlich. Es kribbelte.

Wie durch den Schock gelähmt, klammerte sich mein Blick an dieses hölzerne Bett mit seiner von Natur aus gut gepolsterten Grundausstattung. Auf so eine Erfahrung war ich nicht vorbereitet gewesen. Aber wer erwartete ein solches Verhalten schon von einer Schlafgelegenheit, die einem für gewöhnlich friedliche Träume bescheren sollte?

Während ich so starrte, fiel mir auf, dass am oberen Bettrahmen eine Reihe silbrig schimmernder Symbole aufgetaucht war, deren Bedeutung mir nicht geläufig war. Derjenige, der hier sein Lager aufgeschlagen hatte, kannte sich mit Hexerei oder vergleichbaren Dingen aus und scheute sich nicht davor, dieses Wissen anzuwenden.

Aber was sollte ich machen? Bis jetzt hatte er – oder sie – mir weder etwas angetan noch um Hilfe für die Abreise aus diesem Kaff gebeten. Die Gelegenheit war also günstig, um einfach mal abzuwarten. Und wenn ich Glück hatte, passierte zur Abwechslung vielleicht sogar rein gar nichts.

Ich konnte jedenfalls eine Pause vertragen, bevor der Tag erneut beschloss, sich plötzlich und bis auf Weiteres in die Länge zu ziehen. Und um sicherzugehen, dass dies nicht so schnell passierte, entschied ich, mein Nachtlager vorsorglich nach unsichtbaren Barrieren und metaphysischen Grenzmarken abzusuchen.

Also kniete ich vorsichtig nieder und näherte mich mit den Fingerspitzen der unteren Bettkante ...

Nichts geschah.

Tief geduckt strich ich behutsam über die näher liegenden, dann die etwas weiter entfernten Bereiche meiner Liegefläche ...

Auch nichts.

Alles klar ... , stellte ich zu meiner Verwunderung und mit einem Hauch minimaler Enttäuschung fest. Ich zuckte mit den Achseln, stand auf, legte meinen Rucksack und die Waffen neben mich auf den Boden, schloss das Fenster, setzte mich aufs Bett, fühlte eine unerträgliche Hitze und einen schmerzhaften Stich direkt hinter meiner Stirn und kippte besinnungslos zur Seite. – Ich hatte doch etwas übersehen.

🍃🍃🍃


Langsame, schmatzende Schritte. In der Luft der Geruch von modernder Erde und faulen Eiern. Wo war ich?

Von allen Seiten umgab mich Dunkelheit, die nur an wenigen Stellen in meiner Umgebung nicht ganz so dunkel wie der Rest war.

Dann fiel es mir ein. Der Sumpf, die Herberge, die Gäste, das Bett – und diese Runen. Ich lag noch halb im Sitzen und zur Seite gekippt auf meinem Nachtlager und starrte in die unterschiedlichen Facetten eines lichtlosen Raumes. Ich konnte mir nicht erklären, wer oder was genau mich außer Gefecht gesetzt hatte. Aber ich wusste, dass ich, auch wenn ich niemanden sehen konnte, ohne Zweifel beobachtet wurde.

Mein Gefühl sagte es mir und es war zu ruhig. Da blieb die Frage offen, wo diese Schritte ihren Ursprung hatten.

Behände schob ich mich von dem Bett herunter in die Hocke, griff nach den Waffen, zog mein Schwert, hörte, wie dieses lautstark auf Metall traf, und spürte plötzlich, wie die Kälte einer fremden Klinge meinen Hals berührte.

Konnte das sein? War das möglich? Ich war fassungslos, wie schnell sich diese schattenhafte Gestalt vor mir bewegte. Binnen Bruchteilen von Sekunden hatte sie mich mit einer reibungslos fließenden Bewegung einfach und ohne jeden Laut überwältigt.

Allmählich ließ ich meine Schwerthand sinken, jedoch nicht aus Resignation oder Angst vor meinem Gegner. Ich war ehrlich beeindruckt.

„Entschuldige“, hörte ich die klare Stimme eines jungen Mannes sagen.

Ich versuchte, trotz der Dunkelheit besser zu sehen. Zu meiner Erleichterung hatte es das fahle Mondlicht endlich geschafft, sein Reich auf dieses Zimmer auszuweiten. Jedoch wollte das, was ich dadurch sah, so gar nicht zu dem passen, was ich eben noch gehört hatte.

Die wenigen vagen Umrisse, die ich gerade so erkennen konnte, wiesen zwar auf eine schlanke Gestalt hin. Allerdings mangelte es ihr nur zu deutlich an den für einen Menschen typischen Gattungsmerkmalen. Eine dicke, raue Schuppenkruste bedeckte beinahe die gesamte Oberfläche dieses Körpers. Kopf, Hals und Rumpf wirkten, als seien sie zutiefst miteinander verwachsen und der Geruch von Brackwasser, altem Sand und Moder tat sein Übriges. Es machte den Eindruck, als sei dieses Wesen gerade eben den ewig verwesenden Tiefen der Sümpfe entstiegen, um ...

Ja, um eigentlich was zu tun?

„Ich habe nicht vor, dich anzugreifen“, sagte es in einem informativen Plauderton, der eine jugendliche Sympathie ausstrahlte. „Ehrlich gesagt, wäre ich sogar dafür, die Waffen vorerst ruhen zu lassen.“

Aus reiner Gewohnheit hatte sich der Griff um das Heft meines Langschwertes aufgrund der vorangegangenen Eindrücke wieder verfestigt. Sollte es notwendig werden, war ich umgehend bereit, von ihm Gebrauch zu machen. Hatte dieses Wesen meine Anspannung bemerkt? Aber wie hätte es diese bei den spärlichen Lichtverhältnissen, die hier vorherrschten, wahrnehmen können? Es war zu dunkel, um diese Art von kleinsten Gesten deuten zu können. Aber hatte ich denn die Wahl, meine derzeitige Lage zu hinterfragen?

Erneut ließ ich meine Waffe sinken. Im Gegenzug verschwand der metallische Druck der fremden Klinge von meinem Hals.

Die bizarre Gestalt wandte sich dem winzigen Fenster zu und legte ein paar Gegenstände auf den Tisch, an den ich mich aus einem mir unbekannten Grund zu erinnern versuchte. Wenig später erhellte sich das Zimmer.

Hatte diese Öllampe vorhin auch schon auf dem Tisch gestanden?

Allmählich spielte ich ernsthaft mit dem Gedanken, begründet an meiner Wahrnehmung zu zweifeln. Für den Moment war es jedoch ratsamer, merkwürdige Erscheinungen von Gegenständen einfach merkwürdige Erscheinungen von Gegenständen sein zu lassen und auf meine stetig zunehmende Ermüdung zu schieben.

Immerhin sah ich jetzt viel deutlicher, mit was oder besser mit wem ich es zu tun hatte. Diese raue Schuppenhaut bestand weder aus Schuppen noch aus Haut. Es war eine zentimeterdicke Kruste aus teils getrocknetem, teils noch feuchtem Schlamm, der an seinen festeren Stellen bereits zu bröckeln begann. Auch die verzerrten Konturen gewannen mit dem Licht an Schärfe. Unter dieser Schicht aus fauliger Erde verbarg sich eine vermummte Figur in einem knielangen Parka. Die Kapuze war weit über die Stirn nach vorn gezogen und verdeckte mit ihrem Schatten große Teile des darunterliegenden Gesichts.

Etwas erschien mir jedoch weiterhin äußerst merkwürdig. Selbst als diese Gestalt sich wieder zu mir umdrehte, war nirgends eine Klinge zu entdecken. Wo war die Waffe, mit welcher ich vor wenigen Augenblicken einfach so überwältigt worden war?

„Es lag nicht in meiner Absicht, dich mit der Schutzvorrichtung zu betäuben“, vernahm ich erneut die Stimme eines jungen Mannes. „Ehrlich gesagt, habe ich nicht damit gerechnet, dass die untere Liege schon so bald wieder genutzt werden würde.“

Ein paar Hände in abgenutzten Lederhandschuhen schoben die Kapuze nach hinten und ein dunkler – wahrscheinlich brauner – Haarschopf kam zum Vorschein. Mit Sicherheit war dieser vor geraumer Zeit schon einmal gestutzt worden. Inzwischen wucherte er jedoch wild in alle Richtungen und quer durcheinander, ungepflegt wirkte er allerdings nicht. Er verlieh dem gefälligen Gesicht darunter vielmehr eine freche Note, die ohne Zweifel einen gewissen Zweck verfolgte. Das winzige Lächeln in den sympathisch geschwungenen Lippen tat hierzu das Übrige. Dabei wirkte dieser junge Mann, der mir nun gegenüberstand, im Augenblick eher ernst und betrachtete mich mit seinen pechschwarzen Augen auf eine arrogante, fast abschätzende Art.

Er hatte etwas von einem Schatten – ständig präsent, aber keineswegs greifbar.

Plötzlich lächelte er amüsiert. Mir fiel es schwer den eingeübten Drang, mein Schwert fester zu fassen, zu unterdrücken.

Dann kicherte er leise.

„Was ist?“, platzte es aus mir heraus.

„Ich sagte doch“, sprach er, während er sich den Parka aufknöpfte und seinen Zustand dabei kritisch betrachtete. „Es war nicht meine Absicht in eine Konfrontation mit dir zu geraten.“

Da waren sie, die Waffen. Als der Bursche sich vollständig aus seiner Jacke befreit hatte, stellte ich fest, dass sich zahlreiche Riemen von den Schultern abwärts bis zur Hüfte quer über seinen Rumpf spannten. Ich entdeckte ein ganzes Arsenal von Wurfmessern, Dolchen, vielseitig gestalteter Nadeln und eine kleine unscheinbare Wildledertasche, die alles Mögliche in sich beherbergen konnte. Bis auf die letzte freie Stelle waren sämtliche Riemen mit professionellen Mordwerkzeugen gespickt, die den schlanken Oberkörper des jungen Mannes wie eine zweite Haut überwucherten. Was genau sich außerdem hinter seinem Rücken befand, konnte ich von meiner Position aus nur erahnen. Aus Prinzip vermutete ich aber erst einmal das Schlimmste.

„Nitja Belting“, stellte er sich vor und streckte mir lächelnd seine Hand entgegen.

Ich ließ diese dort, wo sie war, und rappelte mich aus eigener Kraft vom Boden auf.

„Aiden Wirket“, antwortete ich.

„Interessant, dich kennenzulernen.“

„Spar' dir die Worte“, erwiderte ich ruhig und legte mein Schwert samt Hülle auf das Bett neben mein Kopfkissen.

Nitja schob sich kurzerhand an mir vorbei und berührte eines der runenartigen Symbole am oberen Rahmen des Bettgestells – und er bekam keinen Schlag ...

„So“, sagte er und grinste mich breit an, „jetzt solltest du ohne Schwierigkeiten ins Bett gehen können. Ich wünsche dir eine gute Nacht und angenehme Träume.“

Ich starrte ihn an.

Wurde ich soeben von einem Attentäter, Meuchelmörder, Hexenmeister oder Schlimmerem ins Bett geschickt?!

[...]

Weiter mit der nächsten Leseprobe aus Buch 1: von Bitterweg. Das DuneburgDebakel

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Es war kalt in Kentwest.

Nicht ganz so kalt, wie in meiner Heimat Dormizien, wo Winter mit Temperaturen um die zehn Grad minus als warm galten, aber hier war es immerhin nasskalt. Und somit war es speziell für diese Kälte ein Leichtes, ihr eigentlich geringes Ausmaß in voller Gänze zu entfalten. Die eisig feuchte Luft hatte nicht lange gebraucht, um meine Kleidung bis auf die Unterwäsche durchzuweichen – und so fror ich jetzt schon seit Stunden.

Bereits vor dem Morgengrauen war ich aus der kleinen Siedlung am Rande der Sotonsümpfe aufgebrochen. Zuvor hatte ich mir vom Herbergsvater allerdings noch den genauen Weg durch diese morastige Landschaft erklären lassen und steuerte nun die erste Zwischenstation auf dieser Route an – Kentwest.

Die Luft in den Sümpfen war dermaßen nass, dass man sie hätte trinken können. Jedoch wies der moderige Geruch dieser Gegend sehr deutlich darauf hin, dass das keine besonders gute Idee war.

Eigentlich hatte ich gehofft, das Dorf schon gegen Nachmittag zu erreichen ...

Inzwischen war es kurz nach Mitternacht.

Die stehende Feuchtigkeit und die Kälte hatten den Weg, der größtenteils aus verrottenden Holzplanken auf Stelzen bestand, in eine eisige Rutschbahn verwandelt. Schon wenige Meter nachdem ich diesen Sumpfweg betreten hatte, war es mir nicht mehr möglich gewesen, ganz normal einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Jetzt begriff ich auch, warum sich der Herbergsvater dermaßen gesträubt hatte, als ich trotz allem auf die Beschreibung des kürzesten Weges beharrte. Er hätte sich doch nur ein bisschen klarer ausdrücken brauchen ... Auf das lautstarke Anbrüllen und Drohen mit dem Messer hätte ich dann sicher gut und gerne verzichtet. Und das Trinkgeld für ihn wäre womöglich auch besser ausgefallen.

Aber letztendlich erreichte ich Kentwest – viel zu spät, frierend, triefend vor Schweiß und auf allen Vieren.

Zur Rettung meiner Ehre hielt es in diesem Dorf glücklicherweise niemand für nötig, sich zu dieser Tageszeit im Freien aufzuhalten. Und da es hier insgesamt nur vier Häuser, drei kleine und ein großes, gab, rechnete ich auch nicht damit, dass es hier in naher Zukunft vor Menschen nur so wimmeln würde.

In den drei kleineren Häusern – oder besser Hütten – war es stockfinster. Nur in der unteren Etage des großen Gebäudes, welches sich durch das ganze Dorf an der Straße – beziehungsweise diesem vereisten Steg – entlang zog, brannte noch Licht. Das musste das Gasthaus sein.

Ich rappelte mich auf und bewegte mich wacklig, wie auf rohen Eiern laufend, auf den zwielichtigen Eingang zu.

Trotz der späten Stunde drang aus dem Inneren der gedämpfte Lärm mehrerer angeregter Unterhaltungen, die bei näherem Hinhören in ein betrunkenes Gegröle umschlugen. Zu meiner Erleichterung war die Tür noch nicht verschlossen. Aber mal im Ernst, woher hätten unerwünschte Gäste bei diesem Wetter schon kommen sollen – wenn sie nicht bereits hier waren? Also trat ich ein.

Schweigen.

Ich sah mich um und sah auch so einiges. Zu hören war jedoch nicht das Geringste.

Was ich gemacht hatte?

Gute Frage. Gerechnet hatte ich mit so einer Wirkung jedenfalls nicht. – Und Eitelkeit in allen Ehren, aber so hässlich war ich nun beim besten Willen nicht. Bis auf die Notwendigkeit eines mehr oder weniger ausgiebigen Bades, war ich mit mir selbst sogar recht zufrieden …

Mit einem lauten Krachen fiel die Tür hinter mir ins Schloss. Jeder meiner Schritte hallte wie ein Don­nern durch den Raum, bis ich mich schließlich an den Tresen setzte.

Der abgenutzte Hocker quietschte.

„Was zu trinken“, wandte ich mich an den Schankwirt.

Offensichtlich hatte er für heute Abend keine neuen Kunden mehr erwartet. Also glotzte er mich mit großen Augen an – genau wie die anderen drei Dutzend Mann, die sich wie Sardinen an den schmalen Gasthaustischen drängten. Zumindest nahm ich an, dass der Raum voller Menschen war. Immerhin konnte ich sie klar und deutlich sehen und riechen. Nur – und das machte mich stutzig – der Geräuschpegel entsprach so gar nicht meinen Erwartungen und Erfahrungswerten.

„Hier gibt es doch etwas zu trinken?“, fragte ich und beschloss, mich trotz der äußerst verdächtigen Ruhe möglichst unbeeindruckt zu geben.

Der Schankwirt zuckte leicht zusammen, blinzelte mich übermüdet an und nickte. Eilig, aber geübt hantierte er mit Bierkrug und Zapfhahn und setzte mir nur wenige Sekunden später einen mit Weizenbier gefüllten Humpen vor. Ich nahm sofort einen großen Schluck. Die Mischung war nicht so stark, wie ich es gewöhnt war, aber es tat gut, endlich wieder etwas Richtiges zu trinken. Von Wasser allein kann ein Mann schließlich nicht leben.

Was die anderen Gäste dieser Wirtschaft anbelangte, so vertraten diese offenkundig eine vergleichbare Auffassung und wirkten dementsprechend wenig nüchtern. Dennoch rissen sie sich allesamt zusammen, starrten mich an und gaben keinen einzigen Laut von sich.

„Ich suche eine Unterkunft“, richtete ich mich ein weiteres Mal an den Schankwirt.

„Oh“, sagte er, „Wir haben noch ein Bett frei. – Soll es für nur eine Nacht sein?“

„So ist es doch üblich, oder?“, erkundigte ich mich, weil seine Frage mich etwas verwunderte.

„Nun“, meinte er, „in dieser Saison kommt es nicht häufig vor, dass sich Gäste nur für so kurze Zeit einquartieren. Für gewöhnlich liegt die Verweildauer bei sechs bis acht Wochen.“

„Wieso?“, fragte ich deutlich verständnisloser, als ich es beabsichtigt hatte, da mir die eher gewöhnungsbedürftige Schönheit der hiesigen Landschaft vor Augen schwebte.

Der Schankwirt musterte mich nicht weniger irritiert. Die Menschenmasse hinter mir geriet jedoch allmählich in Bewegung.

„Guter Mann“, fasste sich der Wirt ein Herz, „Wenn ich mir die Frage erlauben darf ... Wie genau sind Sie nach Kentwest gekommen?“

„Über den Pfad von Nordosten.“ Ich nahm noch einen Schluck.

Aus irgendeinem Grund schien diese Information in den anderen Gästen etwas auszulösen, denn ein aufgeregtes Raunen griff im Saal plötzlich um sich.

„Sie wollen also sagen, der Weg nach Hetfield sei wieder passierbar?“ Der Schankwirt musterte mich mit Skepsis.

„Keine Ahnung, ob das Dorf so heißt“, überlegte ich halblaut, „Wieso? War der Weg bis vor Kurzem ... nicht passierbar?“

„Es ist nur so“, leitete der Mann seine Erklärung ein, „wer Kentwest bei dieser Witterung verlässt oder zu erreichen versucht, neigt normalerweise dazu, irgendwo abzurutschen und sich den Hals zu brechen. Oder er wird einfach von dem Moor verschlungen ...“

„Oh“, bemerkte ich, „Das wusste ich nicht.“

„Sie müssen wissen, guter Herr“, fuhr er fort, „die meisten Herren, die Sie hier sehen, warten schon seit beinahe drei Wochen darauf, Kentwest verlassen zu können. Jemand, der sie von hier fort und aus den Sümpfen herausführen könnte, wäre für sie demnach ...“

„Ach so!“, unterbrach ich ihn einer eventuellen Bitte zuvorkommend und wechselte zu meinem Anliegen. „Aber das eine Bett ist trotzdem noch frei?“

Der Schankwirt nickte bedächtig.

„Ja“, sagte er, „ein Bett in einem Acht-Mann-Zimmer.“

„Das macht nichts“, antwortete ich. „Für eine Nacht ist das in Ordnung.“

Die Verwunderung, die seit meiner Ankunft aus dem Gesicht des Wirtes sprach, wollte nicht weichen. Allerdings war es hinter mir wieder verdächtig ruhig geworden – zumindest bis auf die Schritte, die sich in meine Richtung bewegten.

Kurz bevor eine raue Hand nach meiner Schulter greifen konnte, wandte ich mich um. Ein gut zwei Meter großer Mann, der fast nur aus Muskeln zu bestehen schien, sah mich mit einem Ausdruck an, der in mir nicht das geringste Vertrauen weckte. Womöglich trugen sein ungepflegter Vollbart, die aufdringliche Bierfahne und andere Gerüche, die ich nicht näher bestimmen wollte, in gewisser Weise dazu bei.

„Heh, Junge“, sagte er mit einem kernigen Lachen auf den behaarten Lippen.

Er fürchtete sich vor mir, das spürte ich – auch wenn ich nicht genau sagen konnte, warum dies der Fall war, da der Mann mich locker um einen Kopf überragte. Also entschied ich mich, meine Hände schön dort zu lassen, wo sie waren, und nicht auf den Griff meines Schwertes zu legen, um eben dieses etwas deutlicher in sein Blickfeld zu rücken.

„Was ist?“, fragte ich kurz angebunden.

„Ganz ruhig“, versuchte er mich zu beschwichtigen. „Ich habe ebenfalls vor, morgen aufzubrechen. Was hältst du davon, wenn wir uns gemeinsam auf den Weg machen?“

Da war sie. Die unterschwellige Bitte, die ich hatte vermeiden wollen ...

Ich sah dem Mann einen Moment lang in die von zu viel Bier und Müßiggang müden Augen.

„Nein, danke.“

Es war ihm anzusehen, dass er am liebsten seine Faust mit meinem Gesicht in Einklang gebracht hätte. Aber er behielt sich unter Kontrolle. Ich will nicht sagen, dass ich es genoss. Doch er hatte ohne Zweifel einen Respekt vor mir, den mir die Leute für gewöhnlich erst nach einer gewissen Zeit des Kennenlernens entgegenbrachten.

„Heh, Junge“, sagte er, „was soll schon dabei sein?“ Er machte eine einladende Geste, indem er seine Schultern hob und die Arme ausbreitete.

Ich drehte mich unbeeindruckt von ihm weg und damit meinem Bier zu. Das Einzige, was ich noch weniger gebrauchen konnte als eine Begleitung, war eine begriffsstutzige Begleitung.

Er griff erneut nach meiner Schulter.

„Heh.“

Er bemühte sich immer noch darum, freundlich zu klingen.

Auf mich traf das allerdings nicht zu.

„Ich gebe dir einen gut gemeinten Rat: Lass los, setz dich hin und wage es nie wieder mich anzusprechen.“

Und es funktionierte tatsächlich! Er ließ mich los, wandte sich um und fluchte leise. Zwar war in seinem Gemurmel die eine oder andere Beleidigung gegen mich enthalten, aber ich war fürs Erste nur froh, dass er weg war.

Schließlich nahm der Mann gehorsam in einer der hinteren Reihen des überfüllten Gastraums Platz und schwieg fleißig.

Zufrieden leerte ich meinen Humpen und schob ihn dem Wirt entgegen.

„Noch eins?“, fragte er.

„Das übernehme ich“, sagte eine Stimme, noch bevor ich diese Anfrage verneinen konnte.

Was war nur los mit diesen Leuten? Plötzlich saß wieder jemand neben mir. Ein hagerer Mann, der trotz seiner offensichtlich verwesenden Kleidung – einer gewagten Kombination aus den pelzigen Häuten vormals lebendiger Tiere – weitaus gepflegter wirkte als mein vorheriger Gesprächspartner. Die Verschlagenheit in seinen spaltgroßen Augen sprach jedoch Bände.

Ich beschloss also, ihn nicht zu mögen – was allerdings nicht hieß, dass ich vorhatte, seine Großzügigkeit einfach so auszuschlagen. Alkohol ist teuer, verdammt noch mal!

Ich gab dem Wirt durch ein Nicken zu verstehen, dass er der Bitte meines Gönners Folge leisten sollte.

„Ich brauche deine Hilfe“, sprach der Fremde mich nun direkt an. „Ich sitze hier schon viel zu lange fest und will einfach nur noch weg.“

„Wenigstens kommst du gleich zur Sache“, stellte ich fest und nippte an dem frischen Gerstensaft. „Und wie genau soll meine Hilfe aussehen?“

„Nimm mich mit“, sagte er und rutschte gierig auf mich zu, „Raus aus dem Sumpf, das reicht mir schon. Und keine Sorge, ich zahle gut.“

„Ich reise allein.“

„Ja, ja. Vermeiden von Schwierigkeiten und so.“

Der Fremde machte eine versöhnliche Handbewegung und gab sich gezwungen aufgeschlossen.

„Ich nehme auf Reisen keine Arbeit an“, verdeutlichte ich meinen Standpunkt. „Ist nichts Persönliches. Aber ja, es dient der Vermeidung von Schwierigkeiten.“

Die spaltgroßen Augen des hageren Mannes weiteten sich zu breiten Schlitzen. Ich konnte beinahe hören, wie die Gedanken hinter seiner Stirn auf der vergeblichen Suche nach einem Plan B miteinander kollidierten und sich wieder voneinander lösten. Es erinnerte mich an das Ticken einer Uhr – nur sehr, sehr viel langsamer.

„Obwohl“, räumte ich aus einer Laune heraus dann doch noch ein und bemerkte, wie sich im ganzen Raum die Ohren spitzten, „wenn das Kopfgeld stimmt, mache ich gelegentlich eine Ausnahme. – Ist auf dich ein Kopfgeld ausgesetzt?“


Natürlich hatte ich, bevor ich Dormizien vor einem guten halben Jahr verlassen hatte, ein nützliches Handwerk erlernt, das ich an und für sich sogar recht gut beherrschte. Und an und für sich war ich auch kein Mensch, der Meinungsverschiedenheiten mit dem Schwert löste. In Dormizien wurde man so erzogen, dass man Konflikte friedlich handhabte oder es besser gar nicht erst soweit kommen ließ.

Allerdings musste ich schon bald feststellen, dass andere Länder in dieser Hinsicht äußerst andere Sitten aufwiesen. Und ich habe mich wirklich ernsthaft bemüht, das Andenken an meine gute Erziehung aufrechtzuerhalten. Aber als gelernter Werkzeugschmied kommt man ohne Ausrüstung mit Hammer, Amboss und Feuerstelle nun einmal nicht besonders weit, wenn man von der Welt etwas Interessantes sehen will ...

Wie es sich zeigte, erwies ich mich viel anpassungsfähiger, als ich es je von mir erwartet hätte. Ich entdeckte mein natürliches Talent für die schlagfertige Durchsetzung meiner Interessen, ergänzte es mit meiner dormizianischen Vorliebe für Konfliktvermeidung und bemerkte, dass es sich auf dieser Grundlage als Gelegenheitskopfgeldjäger sehr lukrativ und flexibel leben ließ ...


Der Mund des Fremden öffnete sich ein Stück und schloss sich wieder. Dann schüttelte er langsam den Kopf, wobei er sehr behutsam darauf achtete, diesen auch auf seinen Schultern zu behalten.

„Sag mal“, ergriff ich erneut das Wort und gab mich überraschend verständig. Dieses Spielchen begann mir zu gefallen. „Du bist doch nicht der Einzige, der hier weg will. Warum einigst du dich nicht mit den anderen und ihr macht euch gemeinsam auf den Weg?“

Der finstere Blick des Schankwirtes traf mich von der Seite. Offenbar fürchtete er, dass seine Kundschaft durch meinen Scherz auf dumme Gedanken kam und ihm seine Saison ruinierte.

Der Mund des Fremden dagegen lächelte, seine Augen allerdings nicht. „Sie sind Feiglinge und stinkende Nichtskönner“, postulierte er, sehr von seiner Selbstsicherheit überzeugt.

Ich spürte eine vage Erleichterung, als sich drei Dutzend Blicke von mir lösten. Allem Anschein nach hatten nun sämtliche Gäste nur noch Augen für den einen von ihnen, der sich unmittelbar neben mir befand.

Der Wirt hinter seinem Tresen wirkte stattdessen deutlich entspannter und machte den Eindruck, ein weiteres freies Bett für den morgigen Tag einzuplanen.

Ich für meinen Teil erinnerte mich daran, was ich eigentlich vorgehabt hatte, bevor ich von einem Freibier aufgehalten worden war. Also trank ich den Humpen in einem Zug leer, stand auf und beugte mich vor zu meinem Wohltäter.

„Es mag sein, dass du recht hast“, raunte ich ihm zu. „Aber du hättest das nicht so laut vor aller Ohren sagen sollen. Ach ja, und danke für die Einladung.“

Der Mann sah mich an, als hätte ich in einer fremden Sprache zu ihm gesprochen. Dabei wirkte er eigentlich nicht wie jemand von der naiven Sorte. Doch entweder ahnte er nicht im Geringsten, was ihm heute Nacht noch blühen würde, oder er verdrängte es.

„Wo ist das Zimmer?“, fragte ich schließlich, an den Wirt gewandt.

„Oben, Zimmer Nummer 4. Das untere Bett, links vorm Fenster, sollte noch frei sein.“

Ich legte etwas Geld auf den Tresen. „Reicht das?“

Der Schankwirt warf einen kompetenten Blick auf den Stapel blassgelber Scheine.

„Alles zusammen macht zweihundertzwanzig“, sagte er nach einem Moment des Rechnens.

„Was denn? – Mark?“

Der Wirt zuckte mit den Schultern, „Inflation, Angebot und Nachfrage, Steuern ...“

„Jajaja“, unterbrach ich ihn, wühlte widerwillig in meiner Jackentasche und erhöhte die Summe auf dem Tresen um einen entsprechenden Betrag.

Ich wollte mich gerade auf den Weg zur Treppe machen, als sich in meinen Augenwinkeln etwas bewegte. Auch in der Nähe des Eingangs und den hinteren Ecken der Wirtschaft nahm ich Bewegung wahr. Trotz der dämlichen Bemerkung meines Gönners hatte ich es irgendwie geschafft, die gesamte Aufmerksamkeit erneut auf mich zu lenken.

Die unruhig wabernde Masse aus ungewaschenen Raufbolden und Wegelagerern machte sich in unsteten, aber rhythmischen Bewegungen daran, zu mir herüber zu schwappen. Schwermütig und träge erhoben sich die Männer von ihren Bänken und bewegten sich langsam, aber sicher auf mich zu. Das war gar nicht so einfach in der Enge dieses mit Menschen und Tischen überfüllten Gastraumes. Ich hatte mich ohnehin schon gefragt, wie so viele ausgewachsene Männer unter Einfluss von Bier und Wein hier verweilen konnten, ohne einen größeren Schaden an der Einrichtung oder aneinander zu hinterlassen. Meiner Ansicht nach, bestand die Antwort wohl alleine darin, dass sie sich einig waren. – Einig darin, es hier zu ertragen, bis das Wetter besser wurde. Oder eben einig darin, sich dem nächstbesten und lebendigen Durchreisenden – egal ob er es wollte oder nicht – anzuschließen. Aber nicht mit mir!

„Also gut“, sagte ich scharf. „Jeder bleibt genau da, wo er ist.“ Intuitiv war meine linke Hand längst zu meinem Schwert gewandert und umfasste es am Stichblatt. Kam es zum Angriff, konnte ich so die Waffe ungehindert mit der Rechten ziehen. Außerdem machte diese Geste einen Eindruck, der auf keinen Fall zu unterschätzen war.

„Wo auf dem Weg nach Süden findet man die nächste Ordnungsbasis?“, erkundigte ich mich, vom Tresen abgewandt, beim Schankwirt und auf die grobe Masse achtend.

„Em“, antwortete dieser, „etwa vier Tagesreisen von hier, in Duneburg.“

Ich nickte – und beschloss spaßeshalber den Versuch zu wagen ...

„Wer von euch hat Lust, dieses ... Dorf mit mir zu verlassen?“, fragte ich in mein Publikum. „Stehen bleiben! – Ja, so ist's besser. Meldet euch, wenn ihr euch angesprochen fühlt. – Aha. Das dachte ich mir. – Auf wen von euch ist ein Kopfgeld ausgesetzt? – Oh, das ist beachtlich. – Bei wem sind es mehr als zehntausend Mark? – Mehr als fünftausend? – Mehr als zweitausendfünfhundert ... ? – Gesundheit. – Mehr als eintausend? – ... – Fünfhundert? – Ja, bitte? – Nein, ich lege keinen Wert auf Mengenrabatt. – Zweihundertfünfzig? – Was für Straftaten werden bitte mit einem Kopfgeld von weniger als zweihundertfünfzig Mark geahndet?! – Wie, Inflation?“

War das zu fassen?! Jetzt wunderte ich mich nicht mehr, warum ausgerechnet diese Horde von Freizeitspitzbuben ihren Winter in diesem tiefgekühlten Sumpf verbrachte. Ich überlegte ernsthaft, ob ich danach Fragen sollte, wer von ihnen die Reise hierher „gewonnen“ hatte, und ob vielleicht ein geliebtes Familienmitglied vor der Abreise in höchsten Tönen von diesem Ort und seinen Sehenswürdigkeiten geschwärmt hatte.

Ein mitfühlender Zeigefinger tippte mir auf die Schulter.

Es war der Schankwirt, der sich vorsichtig zu mir herüber gebeugt hatte.

„Wenn ich etwas sagen dürfte ...“, sagte er taktvoll, „Die ... dicken Fische ... sind schon lange nicht mehr hier. Die meisten waren schon fort, bevor die Temperaturen den Gefrierpunkt erreicht haben. Und jetzt, da es so kalt ist, nehmen sie lieber den befestigten Umweg im Westen. Ab und zu verirrt sich mal einer hierher. Bleiben tut jedoch keiner, wenn er alleine wieder wegkommt. – Nein, nicht zu dieser Jahreszeit.“ Er begann kleinlaut zu flüstern. „Ich habe das ungute Gefühl, dass sich diese – ertragreicheren – Leute ... von meiner übrigen Kundschaft etwas bedrängt fühlen ...“

„Ach, nein“, flüsterte ich kaum schockiert zurück.

Ich warf den erwartungsvollen Herren einen letzten Blick zu. Drei Dutzend flehende Blicke reagierten.

„Nein!“, beendete ich diese Unterhaltung und stapfte kopfschüttelnd die Treppe zu den Schlafräumen empor.


Ob ich – im Nachhinein betrachtet – doch lieber unten geblieben wäre, wenn ich gewusst hätte, wer und welche Konsequenzen mich dort oben erwarteten?

Ich denke nicht.

Weiter mit der nächste Leseprobe aus Buch 1: von Bitterweg. Das DuneburgDebakel

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