Leseprobe:

Nachtriss. Jagdfieber (Nachtriss-Trilogie Band 1)


Nachtriss. Jagdfieber
von Hella Menschel   Genre: Vampir-Roman / Thriller/ Mystery / Fantasy für Freigeister Themen:  Protestbewegung, Perspektivenwechsel, Zeitreisen Medium: Taschenbuchausgabe, 11,6 cm x 17,5 cm, 324 Seiten (Recyclingpapi ... (mehr lesen)
13,90 €

1. Nostrow Kaviar


Das Firmengebäude von Nostrow Kaviar ist grau, nicht sehr groß und hat Ähnlichkeit mit einem Kasten. Es besteht aus drei Fensterreihen mit altmodischen graugrünen Gardinen und Kakteen auf den Fensterbänken. Das Dach ist flach, umgeben von einer kleinen Mauer, die geschmückt ist mit dem Schriftzug: Nostrow Kaviar, echt russischer Kaviarimport. Es wirkt ein wenig, als hätte ein riesiges Kind einen alten Baustein zwischen zwei andere Bausteine gelegt, und sich dann
einer interessanten Tätigkeit zugewandt.
Mit ausgebreiteten Flügeln schwebt sie herunter, flattert ein paarmal, ehe sie auf dem Dach landet und die Flügel anlegt. Von oben an ein Haus heran und vor
allem hineinzukommen, ist fast nie ein Problem. Alle sichern ihre Eingangstüren, ihre Fenster und häufig auch ihre Wände, aber das Dach?

Die kleine, dunkle Fledermaus dreht ihre spitzen
Ohren hin und her, versucht sich zu orientieren.
Da sie nicht wirklich sehen kann, reckt sie sich, streckt ihre Glieder und wächst zu einer Frau in schwarzer Kleidung, Schuhen und Handschuhen, mit einer Maske vor dem schmalen Gesicht. Gebückt
erreicht sie die Dachluke, schiebt einen Draht durch die Ritze, fühlt nach dem Schließmechanismus und öffnet die kleine Luke. Lautlos gleitet sie hindurch und verschließt hinter sich die Klappe. Nun steht sie in
einem langen, dunklen Gang. Deutlich kann sie sich an die Zeiten erinnern, in denen Häuser mit solchen
Gängen modern waren. Das war kurz nach dem Krieg, vor fünfzig Jahren.
Türen führen nach links und rechts, in der Mitte eine Treppe hinunter. Jede Tür sieht gleich aus, mit einem anderen Namen in immer der gleichen Schrift, auf
immer dem gleichen kleinen Schild, schwarz auf hellgrauem Grund. In einem kleinen Zimmer im Erdgeschoss mit der Aufschrift: Danna Schulbarg, Personal
sekretärin, findet sie, was sie sucht: Einen Aktenschrank, der Natalie an ihr altes Leben erinnert. Hier ist für jedes Firmenmitglied eine Akte angelegt.

‚Es gibt Internet‘, denkt sie, ‚Computer, - Leute, was wollt ihr mit Scheißakten in so einem Scheißaktenschrank?‘
Heide, Karin von der, steht in bester Schreibmaschinenschrift auf dem oberen Rand der Akte. Sie zieht sie heraus und notiert die Adresse auf ihrem Unterarm: Hans Klaus Marten, am Rand von Berlin. Karin von der Heide selbst ist in dieser Stadt nicht gemeldet und ohne eigene Wohnung, ein Umstand der Natalie keineswegs neu ist.
Die Akte ist dünn, Einstellungsdatum 14.10.1992, Ressort Osthandel, Schwerpunkt Prag; einige Namen und Adressen von Prager Kunden. Eine Kundin trifft sie
offensichtlich häufiger, eine Senja Pahvel. Auf einem weiteren Blatt sind die Flüge aufgelistet. Zweimal nahm sie ein Dienstauto, ein paar Spesenrechnungen, ihre Bewerbungsunterlagen. Seit März ist sie für drei Jahre beurlaubt. Der Antrag ist vor eine Kopie der
Bewilligung geheftet. All das wird fotografiert, und genauso geordnet wieder zurückgelegt, wie Natalie es vorfand.
Hans Klaus Marten in Berlin, Senja Pahvel in Prag. Das ist interessant. Natalie steckt den Fotoapparat ein und verlässt den Raum. Die Tür zieht sie leise hinter sich zu. Niemand würde bemerken, dass sie einmal
geöffnet wurde, nachdem sie sie wieder geschlossen hat, jedenfalls niemand Sterbliches. Dann schleicht sie zurück zur Dachluke. Die Frau hockt sich hin, streckt die Arme in die Luft und die Fledermaus erhebt sich, dem vollen silbernen Mond entgegen.
Das Stillen ihres nagenden Hungers verschiebt sie auf später, zuvor hat sie noch eine Verabredung. Ohne Umweg fliegt sie direkt in den Glockenturm einer kleinen Kirche. Einer der ihren ist der Herr dieser Kirche und der Meister des Pfarrers. Damit ist die Kirche
sicher für sie.
Der Pfarrer wird nicht plötzlich hereinplatzen, um
irgendetwas zu holen oder auch nur nachzusehen, wer da in seiner Kammer sitzt. Dort, in dem kleinen Raum neben dem Altar, wollen sie sich treffen, um die neusten Informationen auszuwerten. Zwei Namen, zwei Adressen: Ein Mann und eine Frau.

Als die große Gefahr bekannt wurde, brauchten sie
einen Raum, um sich heimlich zu treffen, unbemerkt, auch von den anderen Vampiren. Es betraf alle: Jeden Vampir, vielleicht sogar jedes übernatürliche Wesen. Es begann als eine seltsame Krankheit, die nur totes Fleisch zersetzte, ganz gleich, ob es verwesend in
seinem Grab lag, oder ob es umher ging und Blut trank. Offenbar steckte ein Sterblicher dahinter, der einmal Diener eines Vampires gewesen war. Er befreite sich von seinem Bann, um sich gegen seinen Herrn und
gegen alle Vampire zu wenden. Gut, er wurde gefangen und ausgefragt, aber seine Widerstandskraft war so stark, dass sie bis jetzt kaum etwas herausgefunden hatten.
Der Mann ist nicht alleine, es gibt weitere, die immer noch dort draußen sind, bereit, sie alle zu vernichten. Sie scheinen unsterblich zu sein und verfügen über nichtmenschliche Kräfte. Ihr Gefangener ist in der Lage, sich in einen Wolf zu verwandeln, andere können Gedanken lesen, unsichtbar werden oder einem Menschen mit nur ein paar Worten den Verstand rauben. Sie nennen sich Daywalker, „diejenigen, die bei Tag umhergehen“, nach einem Film mit Wesley Snipes. Ein guter Film, wenn auch sehr vampirfeindlich, wie Natalie findet.
Einige der Daywalker sind tot, einer von ihnen ist seit längerem Vampir, umnachtet vom Wahnsinn, der ihn sein früheres Leben hat vergessen lassen. Die Vampire haben nur einen Gefangenen, aber es gilt, alle diese Unsterblichen zu finden und zur Strecke zu bringen, ehe sie ihren Plan umsetzen können. Zwei von ihnen, wahrscheinlich die ersten beiden Daywalker, sind
Karin von der Heide und Bart von Krolok, beide über zweihundert Jahre alt.
Karin von der Heide aufzuspüren, ist ein guter Anfang, denn vielleicht würde sie die Vampire zu ihrem Freund Bart von Krolok führen, und zu all den anderen.

In dieser Nacht, in dieser kleinen Kirche, sind die Vampire, die Daywalker jagen, zu dritt: Die geschickte, leise Einbrecherin Natalie, die Kämpferin Karin und der hässliche, kleine Spion Martin.
Es war Natalies Aufgabe, der ersten und bisher einzigen Spur nachzugehen, die sie haben: Flüge von Berlin nach Prag, die auf die Namen Karin von der Heide und Bart von Krolok gebucht worden waren. Die Adressen der beiden konnte man nicht herausfinden. Weder in Berlin, noch in anderen Städten waren sie gemeldet. Auf der ganzen Welt konnte kein Vampir die Namen der beiden in irgendeinem Melderegister finden. Sie haben ihre Spur gut verwischt. Aber die Flüge waren von Nostrow Kaviar gebucht worden, und darum stieg Natalie dort ein.
Nun können sie mit dem, was sie haben, weiter machen. Einer der neuen Spuren zu folgen, wird Natalies Aufgabe sein, die anderen wird sie Martin und Karin überlassen.
Es ist schon ein seltsamer Zufall, dass eine Vampirin den gleichen Vornamen wie eine Vampirjägerin hat. Karin Wente, die Vampirin, und Karin von der Heide, die Vampirjägerin.

Natalie zieht sich die Maske vom Gesicht und streift ihre Handschuhe von den knochigen Fingern, kaum, dass sie ihre menschliche Gestalt angenommen hat. Ohne die Maske wirkt ihr Gesicht noch schmaler. Die Wangen sind eingefallen, die Augen liegen tief. Nase und Mund wirken groß zwischen den holen Wangen und über dem mageren Hals. Ein wenig spitz sticht das Kinn unter dem kleinen, noch immer rosigen Mund hervor. Kein Gramm Fleisch zu viel auf den Rippen. Dort, wo Natalie das Ende ihres Lebens verbrachte, setzte niemand Fett an. Das schwarze Haar ist unregelmäßig und sehr kurz, leicht schimmernd durch eine Schicht aus Eiweiß, mit der sie es abends festigt, damit es in alle Richtungen steht. Ihre dunklen Augen
blicken klar und lebendig aus ihrem mageren Gesicht, lassen es fast hübsch erscheinen.
Die scheinbar junge Frau steigt die Treppe hinunter, sieht sich kurz um und betritt die Kammer. Zwei
Augenpaare sehen sie an, ohne dass ein Wort fällt, bis sie ihren Fotoapparat auf den Tisch legt.

„Ich denke, wir haben zwei Spuren, zwei Namen mit Adressen: „Hans Klaus Marten hier in Berlin und Senja Pahvel in Prag. Außerdem einige Abrechnungen, Flüge, weitere Namen und Adressen. Das wär' wohl was für dich, Martin.“
Der kleine Mann nickt, ja, das ist genau sein Metier. Martin ist nur etwas über einen Meter groß. Seine Augen blicken groß und ernst aus einem kleinen runden Gesicht, dessen wesentliches Merkmal eine riesige, krumme Nase ist, geziert von einer haarigen Warze, die ein Mensch versuchen würde loszuwerden, nicht aber ein Vampir, der sich daran gewöhnt hat, hässlich zu sein.
Seine Gestalt und das haarlose Haupt verbirgt er
unter einem weiten grauen Umhang mit Kapuze aus feiner englischer Baumwolle. Darunter trägt er noch einen Schleier, der jedem Menschen und jedem Vampir, dessen Augen weniger scharf sehen, als die von Natalie, einen freundlichen, wohlgestalteten kleinwüchsigen Mann um die vierzig vorgaukeln. Er ist
tatsächlich freundlich, hilfsbereit und zuverlässig, vielleicht ein wenig steif.
„Ich geh' die Abrechnungen und Flüge und das alles durch“, sagt er. „Karin, fährst du nach Prag? Dann kann Natalie sich in Berlin um Herrn Marten kümmern.“
Karin Wente ist größer als Natalie, und breiter. Sie starb neun Jahre vor ihr. Jene neun Jahre, in denen die Nazis sich ihrer Macht immer sicherer wurden, in
denen sie zuerst Kommunisten, Anarchisten und ihre anderen politischen Gegner, dann Juden, Zigeuner, Schwule und alle, die sie in ihrer kranken Weltsicht nicht haben wollten, umbrachten oder es versuchten.
Neun Jahre, die am Ende Natalie ihr langes, volles Haar und ihre rosigen Wangen kosteten und von deren quälenden Erinnerungen sie immer noch tags wach liegt. Karin hat keine solchen Erinnerungen. Ihr
Gesicht wirkt hart, wenn sie ernst ist, und weich, wenn sie lacht oder flirtet. Ihre Haare sind kurz, weil sie es so will.
Sie nickt kurz auf Natalies Frage. „Prag klingt interessant, wenn du nichts dagegen hast, Natalie, nehm' ich die Frau und du den Typ.“


2. Berliner Nächte


Irgendjemand sagte mal, Berlin sei eine Ansammlung von Dörfern und Kleinstädten. In mancher Hinsicht trifft das genau den Punkt. Hans Klaus Marten bewohnt ein einfaches Einfamilienhaus, abgelegen von den großen Straßen. Dort, wo Kinder noch auf der Straße spielen und man fast vergisst, die Haustür abzuschließen, so friedlich wirkt die Nacht. Der Vorgarten ist klein und ordentlich. Zwanzig Quadratmeter kurz geschnittener Rasen mit einigen Rosen und Tulpen­beeten, eingerahmt von weißen Steinen, die wahrscheinlich täglich gesäubert werden. Ein Gartenzwerg scheint die Tulpen zu gießen, ein zweiter schiebt eine Schubkarre.
Gartenzwerge mit roten Zipfelmützen und roten
Jacken, wie in der Gartenzwergwerbung, sauber und ordentlich aufgestellt, wie für einen Beitrag in Spießiger Wohnen. Der naturbelassene Jägerzaun, der den Garten sorgfältig gegen die Straße abgrenzt, setzt sich links und rechts entlang der Nachbargrundstücke fort. Ein Steinplattenweg führt von dem kleinen Gartentor mit der Klingel zur hölzernen Eingangstür, die ein Schild mit dem Namen Hans Klaus Marten schmückt – oder auch nicht schmückt. Ein Fenster des kleinen Hauses ist erleuchtet, aber hinter der hellen Gardine ist keine Bewegung zu erkennen.
Aber ein Vampir hat Möglichkeiten, über die kein Sterblicher verfügt, Natalie kann durch die Gardine seinen Schatten in einem großen, dunklen Sessel aus glattem Leder ausmachen. Ein großer, kräftiger Mann, Mitte dreißig, der sich am Abend noch ein gutes Buch zu Gemüte führt. Er ist ruhig und zufrieden, das Buch in seiner Hand scheint ihm zu gefallen. Seine Gedanken kann sie von der Straße aus nicht lesen, das wäre denn auch zu schön gewesen.
Lautlos nähert sie sich dem Haus, das Fenster und den Mann im Sessel nicht aus den Augen lassend. Dieser bewegt sich nicht, es sei denn um eine Seite umzublättern oder einen Schluck aus dem Glas neben sich zu trinken.
Sie erreicht die Haustür und macht sich an dem Schloss zu schaffen, das ihr erstaunlichen Widerstand entgegensetzt. Trotzdem dauert es nicht lange, ehe sie in die kleine Diele hinter der Eingangstür tritt. ‚Wirklich, was für ein Spießer‘, schießt es ihr durch den Kopf, als sie sich in dem holzgetäfelten Raum umsieht, ‚fehlt nur noch das Geweih an der Wand.‘ – Sie erinnert sich: Holzgetäfelte Wände, ein Mann in braunem
Lodenmantel, in der Hand eine Reitgerte, fast erwartet sie, ihn hier zu sehen.
Zwei Türen, genau wie vor fünfzig Jahren. Sie verharrt, lauscht, und vernimmt das leise Knistern eines umgeschlagenen Blattes. Er liest noch immer, nichts ahnend und nichts bemerkend.
Ein Flur, links das Badezimmer und die Küche, rechts zwei kleine Zimmer, geradeaus das Wohnzimmer. Sie ist sich absolut sicher, und sie hat recht. Fünf Türen, zwei links, zwei rechts, eine vorne. Jetzt würde alles einfacher werden. Keine Schlösser mehr, weicher Teppich auf dem Boden. Weicher braungrüner Teppich, für die gemütliche Atmosphäre. Gemütlich ist ein deutsches Wort, das in keine andere Sprache übersetzt werden kann. Sie verabscheut Gemütlichkeit. Wie konnte sich in sechzig Jahren so wenig ändern?
Ihre Hand drückt die Klinke, leise, vorsichtig. Das Zimmer ist klein, die Tapete hat ein Muster aus
Blumen, blassrote, blassblaue und blassgelbe Blumen. Ein riesiger Schreibtisch steht mitten im Raum, sauber aufgeräumt. Sie sieht einen Computer, einen modernen Drucker, ein Regal mit Aktenordnern, ein Regal mit Büchern.
Jeder Ordner ist mit einem ordentlichen Etikett versehen. Jedes Etikett ist ein Computerausdruck. Kein Adressbuch oder Kalender oder etwas Ähnliches liegt herum. Der Computer – hat er eine Adressdatei? Ehe sie am Tisch sitzt, erklingt ein Glockenton, ein Dreiklang. Sie kennt diesen Klang, hat ihn vier Jahre lang ständig gehört. Schon damals hat sie ihn verabscheut. Eine Pause, in der sie verharrt, dann Schritte. Kein Laut, keine Bewegung, sie lauscht nur.
„Gunberg, hallo, ich bin gleich soweit.“ Die Stimme ist tief. „Komm so lange rein.“
Schritte, eine Tür, die zuklappt, eine zweite Stimme: „Nina und Gelika kommen auch.“ Etwas in dieser Stimme lässt sie aufhorchen, sie weiß aber nicht, was es ist.
Vorsichtig nähert sie sich der Tür, öffnet sie einen Spalt und sieht auf einen großen blonden Mann in grüner Daunenjacke. Sein Bart ist etwas struppig, seine Haare lang. Sein Blick ist auf die Wohnzimmertür gerichtet, die Tür am anderen Ende des Flurs, aus der jetzt der Mann tritt, den sie im Sessel gesehen hat – Hans Klaus Marten.
Einem Impuls folgend, blickt Natalie in die Gedanken seines eintretenden Gastes. Nur ein Bild: Eine Frau, nicht groß, im altmodischen Kleid. Ihre blonden Haare sind streng zurückgekämmt, ihre grünen Augen
dezent, aber sehr effektiv geschminkt. Sie lächelt, und spricht dabei von Vernichtung. Sie will das Gleiche wie er: Zerstören. Sie will alle Vampire der Welt vernichten. Und sie ist nicht alleine, da sind noch elf andere.
Das Bild verschwimmt, als Gunberg sich bewegt, um hinter Hans Klaus Marten die Wohnung zu verlassen. Gunberg kennt also Karin von der Heide und sie hat mit ihm über ihre Pläne gesprochen. Er weiß, dass sie Vampire vernichten will. In seinen Gedanken war kein Unglaube zu finden. Offensichtlich glaubt er also an Vampire und daran, dass sie vernichtet werden müssen.
‚Das könnte interessant werden‘, denkt Natalie.
Wenig später öffnet sie ein Fenster, um sich in die Luft zu erheben und den beiden zu folgen.

Deren Spaziergang endet in einer kleinen verräucherten Kneipe. Die Luft steht und ist fast sichtbar vom Rauch der Zigaretten und Pfeifen – hier sind es mit
Sicherheit nur Zigaretten und Pfeifen. In Kneipen wie diesen sitzen gute Deutsche vor ihrem Bier und reißen dumme Witze auf Kosten anderer. Eine Theke, ein paar Tische, an denen sich die Gäste drängen, zwei junge Frauen in knappen Oberteilen, die servieren, kassieren und den Betrunkenen ausweichen. In einer Ecke,
direkt unter der Decke, hängt der Fernseher. Wieder in Gestalt einer Frau setzt Natalie sich an die Theke, um abzuwarten und zu beobachten. Ihre Lederjacke legt sie über ihren Stuhl. Es muss nicht sein, dass ausgerechnet hier jemand sie auf Schriftzüge, wie Scheißstaat oder Alle Rassisten sind Arschlöcher – überall anspricht.
„Hey, Süße.“ Die Stimme ist unsicher, die Worte
gehen ineinander über. „Hey, ich“, kleine Pause, „rede mit dir.“
Alkohol, Rauch, Mundgeruch.
„Verpiss dich.“
„Aber, Süße.“ Er kommt näher, ein Mann, nicht besonders alt, nicht widerlicher als andere Betrunkene, ein Mann in einer Bar eben.
„Hau ab. Lass mich in Ruhe“, knurrt sie.
Er hebt zu einer Antwort an, sieht in ihre Augen und schweigt. Eingeschüchtert wendet er sich wieder seinem Bier zu.
Sie konzentriert sich.
Vier Männer und zwei Frauen sitzen nun an dem Tisch. Einer von ihnen ist Gunberg, ein großer etwas wild wirkender Mann der Karin von der Heide kennt.

Sie sind eigentlich zu zwölft, die Leute um Karin von der Heide, jedenfalls waren sie das mal und wollen es wieder werden. Zwölf Menschen, die sich in den Kopf gesetzt haben, Vampire zu vernichten, alle Vampire. An und für sich ist das nicht ungewöhnlich. Es gibt
einige Menschen, die Vampire vernichten wollen.
Eigentlich wollen alle Menschen, die an Vampire glauben, diese vernichten, aber wer glaubt schon an Vampire?
Nun, Karin von der Heide glaubt sicher daran, mehr noch: Sie hat Gewissheit. Sie hat einem der Vampire gedient, ist seine willenlose Sklavin gewesen. Aber sie hat sich aus der Hörigkeit befreit, zusammen mit ihrem Gefährten, und nun macht sie Jagd auf Vampire – seit über hundert Jahren, und mit Fähigkeiten, über die sonst nur Vampire verfügen. Aus den zwei sind zwölf geworden. Zwölf Menschen, die nicht sterben, die Vampirkräfte besitzen und die mit Waffen kämpfen, die unangenehme Wirkungen haben.
Die vier Männer trinken Bier, die Frauen etwas, das Natalie für roten Wein hält. Gunberg hält eine der Frauen im Arm und befummelt ihren Busen, während er spricht. Meistens spricht er, mit tiefer, lauter Stimme. Die anderen scheinen seine Vorrangstellung zu
akzeptieren wie Wölfe ihr Leittier.
Ihr Nachbar vor sechzig Jahren war nie ein Leittier gewesen. Er war immer der kleine dumme Mitläufer, der den Nazis hinterherlief. Seine Gerte sollte ihn wohl stark wirken lassen, irgendwie herrisch. Sie hatte nie viel von ihm gesehen in diesen vier Jahren. Hin und wieder ein Blick in seine Diele, die der ihren genau
gegenüber lag. Die holzgetäfelten Wände und ein
Geweih über der Garderobe, mehr nicht. Gegrüßt hat er immer korrekt, immer deutsch mit „Heil Hitler!“. Sie konnte die Worte kaum über die Lippen bringen, hatte etwas genuschelt, das wie der verlangte Gruß klang. Bernd konnte das besser, das Sichverstellen und So-tun-als-ob.
„Es sind doch nur zwei Worte, sonst nichts“, pflegte er zu sagen, aber sie brachte sie trotzdem nicht raus.
Friederich hieß ihr Nachbar, Friederich Karlsplat. Er war Angestellter einer Behörde. Ein kleiner dummer Angestellter, der eine andere Nachbarin anzeigte, nicht weil sie Kommunistin war, was sie nicht war, sondern, weil sie nicht mit ihm ins Bett wollte. Verhaftet wurde sie wegen Feindspionage: Eine kleine, freundliche blonde Frau, die überhaupt nicht wusste, wie ihr geschah, als plötzlich die Gestapo vor ihrer Tür stand.
Er war zu dumm, um in Natalie und Bernd, seinen direkten Nachbarn, das zu erkennen, was sie waren. Im Traum wäre er nicht darauf gekommen, dass die etwas schüchtern wirkende, schweigsame Frau bereit war,
alles dafür zu geben, die Nazis zu bekämpfen. So nett, so zurückhaltend, so harmlos wie sie schien.
Nur einmal hatte Karlsplat sich über ihren häufigen Besuch geäußert. „Sie kennen ja viele Leute, Herr Mark.“
Bernd hatte genickt, „Kollegen, wissen sie? Und ein paar Freunde von früher.“ Bernd lächelte. Er lächelte immer, wenn er mit einem Nachbarn sprach. Das hatte Karlsplat genügt. Mit seiner Gerte tippte er sich an den Hut und ging weiter.
Ein Jahr später hatte er sie wieder so gegrüßt, freundlich wie immer, genau wissend, wer in ihrer Wohnung wartete. Natalie hatte ihre Tür aufgeschlossen, war hineingegangen und hatte sie hinter sich zu gezogen. Es war nur ein Gefühl gewesen, ein Geräusch, das nicht hierher gehörte. Ohne zu zögern hatte sie die Tür wieder geöffnet und war zurück ins Treppenhaus getreten.
Sechs Jahre im Untergrund machten einen vorsichtig, ja paranoid. Aber nicht paranoid genug. Sie kam nicht weit, nicht weiter, als bis zur Treppe. Dort wartete ihr Nachbar, den Lodenmantel übergezogen, in der Hand die Reitgerte, packte er sie erstaunlich schnell und kräftig.
„Wohin denn so eilig?“ Den Satz hatte er wahrscheinlich tausendmal geübt.

Gunberg dort drüben am Tisch wirkt nicht schmierig, nicht verklemmt, eher nur wie ein normaler Looser auf der Suche nach Anerkennung. Er wirkt fast sympathisch, wäre diese elende kackbraune Cordhose nicht, und die Art wie er laut lachend blöde Witze erzählt. In seinen Gedanken kann sie immer noch die Frau sehen. In ihr sieht er eine Freundin, eine Gefährtin, und
sicher weiß er, wie er sie erreichen kann.
In den Gedanken der anderen kann sie nichts erkennen, was sie besonders interessiert hätte: Nina himmelt Gunberg an, Gelika will ihre Scheißarbeit vergessen und Hans Klaus himmelt Gelika an. Er will mit ihr ins Bett, was sie weiß. Sie überlegt, ob es eine gute
Ablenkung wäre, und beschließt, es darauf ankommen zu lassen. Eigentlich ist sie scharf auf Gunberg, aber der ist ja mit Nina zusammen. Von Karin von der Heide, Bart von Krolok oder gar Vampiren und Vampirjägern findet sich in den Gedanken der Frauen keine Spur.
Also konzentriert sich Natalie wieder auf Hans Klaus und was er über Frau von der Heide weiß. Er scheint sie zu mögen, findet sie attraktiv, auch wenn er etwas Angst vor ihr hat. Wenn sie in Berlin ist, wohnt sie bei ihm, aber wenn sie die Stadt verlässt, weiß er nicht, wohin sie geht. Wie einfach es doch ist, die Gedanken dieses Mannes zu lesen. Fast wie in einem Buch kann Natalie hin und her blättern, die Bilder betrachten und dann wieder zu anderen übergehen. Aber so sehr sie auch sucht, nichts in Hans Klaus' Kopf ist vergleichbar scharf und durchdringend wie das Bild von Karin von der Heide in Gunbergs Gedanken.

Nach Mitternacht beschließt Gunberg zu gehen und seine Freundin geht brav mit. Auch Natalie erhebt sich, legt das Geld für ihr nicht angerührtes Getränk auf den Tisch, und folgt ihm. Die Nacht ist kühl geworden. Die Straße glänzt feucht. Pfützen stehen auf dem Bürgersteig und am Straßenrand. Nina gibt ihrem Freund
einen Kuss und geht alleine zur Bushaltestelle. Er schlägt die andere Richtung in eine kleine Straße ein, weg vom Lärm der Hauptstraße. Er geht zielstrebig und schnell, als wisse er wohin und habe es eilig.
Beides dürfte zutreffen.
Es ist nicht schwer, ihn zu verfolgen, nicht ein einziges Mal sieht sich der Mann um. Die Straße ist düster, der Asphalt noch feucht vom Regen, den sie in der Kneipe nicht wahrgenommen hat, so vertieft war sie in die Gedanken der beiden Männer. Seine Schritte
patschen im Wasser, schwer, unbeachtet und zielstrebig. Ihre Schritte sind nicht zu hören. Vorsichtig setzt sie die Füße auf den Boden, nicht langsamer als er, nur leichter, sorgfältiger und suchender. Trotzdem geht sie auf der Straße als wäre das ihr Weg und nicht als versuche sie etwas zu verbergen. Es war immer die beste Methode, unauffällig zu sein, statt unsichtbar.
Die Straße führt auf ein großes Schild zu, ein Schild mit einem großen, schwer zu übersehenden U. Gunberg geht die Treppe hinunter zur U-Bahn, zum Bahnsteig Richtung Stadt. Nur wenige Minuten wartet er, ohne sich zu setzen, dann kommt die U-Bahn. Er steigt ein. Als wäre sie eine einfache Passantin, setzt sich
Natalie ein paar Plätze hinter ihn.
Er schaut geradeaus, achtet nicht auf seine Umgebung. Die Bahn fährt an und hält bereits einige Minuten später wieder. Sie fahren in die Stadt bis zum
Umsteigebahnhof Wilmersdorferstraße. Durch die Gänge der U-Bahnstation ist es schwer Gunberg zu
folgen, aber sie bleibt an ihrem Opfer dran, bis er
erneut in eine Bahn steigt. ‚Na, da hat aber jemand
einen langen Heimweg‘, denkt sie.


Nachtriss. Jagdfieber
von Hella Menschel   Genre: Vampir-Roman / Thriller/ Mystery / Fantasy für Freigeister Themen:  Protestbewegung, Perspektivenwechsel, Zeitreisen Medium: Taschenbuchausgabe, 11,6 cm x 17,5 cm, 324 Seiten (Recyclingpapi ... (mehr lesen)
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